Von Hansjakob Stehle

Warschau, im Oktober

Behutsam und langsam wie ein Genesender, der sich auf schwankendem Boden fühlt, bewegt sich die polnische Deutschlandpolitik auf dem Wege, den ihr die Wandlungen der Bonner Ostpolitik öffnen.

"Kurswechsel" in Bonn? In der polnischen Hauptstadt hütet man sich vor derlei Illusionen; die Parole, die ausgegeben wurde, heißt: keine Vorschußlorbeeren, aber auch keine bösen Vorurteile. Zehn Tage vor der Bonner Regierungserklärung schien man hier geradezu den Atem anzuhalten in der Sorge, durch jede allzu laute Geste des Nachdenkens – auf beiden Seiten – zu stören.

Als ich Anfang dieser Woche zu einem Fernsehinterview mit dem polnischen Außenminister gebeten wurde, lag der Gedanke nahe, es gehe Warschau darum, kurz vor der Wahl des neuen Bundeskanzlers der Bonner Ostpolitik noch einen kräftigen Anstoß in die gewünschte Richtung zu geben – und sei es nur durch ermunternden Beifall für die linksliberale Koalition. Doch schon in den ersten Minuten des Gesprächs mit Minister Stefan Jedrychowski wurde deutlich, daß man im Politbüro Gomulkas, dem der Minister angehört, eben dieses vermeiden will. Im zwanglosen Vorgespräch ließ Jedrychowski gewiß Sympathien für die jüngste Entwicklung in Bonn erkennen, er schien sich jedoch auch darüber im klaren zu sein, daß die Bewegungsmöglichkeiten der neuen Bonner Koalition durch ihre knappe Mehrheit im Bundestag begrenzt sein werden (vielleicht hätte man deshalb in Warschau eine Wiederholung der Großen Koalition lieber gesehen).

Im schriftlich fixierten Text des Interviews, der sicher vom höchsten Parteigremium gebilligt worden war, fand sich aber kein einziges kommentierendes Wort zum Ausgang der Bundestagswahlen oder über die kommende Regierung in Bonn. Auch dies könnte schon als Fortschritt erscheinen, wenn man bedenkt, daß Parteichef Gomulka noch vor zweieinhalb Jahren, am 19. Mai 1967, fatalistisch prophezeit hatte, jede Bonner Regierung, die unter dem Einfluß der kapitalistischen Monopole stehe, werde eine revanchistische Politik betreiben.

Jetzt freilich hatte Gomulka am 6. Oktober in Ostberlin erklärt, die Praxis werde zeigen, ob die neue Bonner Regierung "genug Realismus" besitze, um sich von alten Konzepten zu befreien und die Chancen zu nützen. Selbst solche vorsichtigen Erwartungen ließ er aber seinen Außenminister nicht aussprechen. Jeder Anschein einer innenpolitischen Einmischung, "noch dazu auf westdeutschem Territorium", sollte vermieden werden, so wurde mir im Warschauer Außenministerium bedeutet.