Der Fall erregt in Frankreich mehr und mehr die Gemüter: die Liebesgeschichte der zweiunddreißigjährigen Französischlehrerin Gabrielle Russier aus Marseille, die sich am 1. September das Leben nahm. Zu dieser Zeit schön hatte die Affäre viele. Franzosen, die zu Millionen auf Urlaub waren, zutiefst empört. Eine kurze Frage am Ende der letzten Pressekonferenz des Staatschefs Pompidou, die gleichwohl ausschließlich auf soziale und wirtschaftliche Gebiete beschränkt sein sollte – "Was denken Sie von der Affäre Gabrielle Russier?" – hat dann die öffentliche Meinung noch einmal auf diese traurige Geschichte gelenkt.

Gabrielle Russier war eine anziehende, von ihren Schülern hoch geschätzte Lehrerin. Sie unterrichtete in der Obersekunda; doch schien ihr eine brillante Universitätskarriere in Linguistik offenzustehen, Geschieden von einem Ingenieur (aus der Ehe stammen Zwillinge im Alter von zehn Jahren), verliebte Gabrielle sich in Christian R., einen Oberschüler von siebzehn Jahren, dessen Eltern an der Universität von Aix-en-Provence lehren.

Während der unruhigen Mai-Tage 1968, in denen Gabrielle aktiv. auf der Seite der protestierenden und rebellierenden Jugend stand, erhoben Christians Eltern keinen Einspruchgegen die Verbindung ihres Sohnes. Ihr Verhalten änderte sich erst im Herbst. Jetzt wurde Gabrielle Russier der Dozentenposten der Universität Aix verweigert. Zugleich riet die Umgebung der Eltern Christians (es handelt sich vornehmlich um Kreise derselben Universität), sie sollten energisch eingreifen, während Gabrielle offen erklärte, daß sie entschlossen sei, ihr Leben mit dem jungen Christian nemaufzubauen.

Nun stehen zwei Fronten einander feindlich gegenüber. Der Sohn verläßt das Elternhaus, wird in ein Internat gesteckt, dem er ein paarmal entflieht. Gabrielle läßt sich krankschreiben und verweigert die Auskunft darüber, wo Christian sich aufhält.

Auf Druck der Eltern kommt es dann so weit, daß Gabrielle. am 5. Dezember 1968 um zwei Uhr festgenommen wird. Untersuchungsrichter ist der Sohn des früheren Ordinarius der humanistischen Fakultät von Aix. Gabrielle wird nach vier Tagen wieder freigelassen; Klage wird nicht erhoben; Christian taucht wieder auf.

Als er wiederum durchbrennt, wird Gabrielle, die den Jungen drei Monate nicht gesehen hat, Von neuem in Präventiv-Arrest genommen, diesmal für sieben Wochen.

Im Juli 1969 erfährt sie endgültig, daß sie auf den Assistentenposten in Aix nicht mehr rechnen kann. Zugleich wird in großer Eile kurz vor den Gerichtsferien der Prozeß gegen sie eröffnet, bei dem die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Das Urteil: zwölf Monate Gefängnis wegen Verführung eines Minderjährigen. Es handelt sich um den Paragraphen 356 des Strafgesetzbuches, der bis 1945 nur Strafen für Verführung von Mädchen unter sechzehn Jahren – vorsah, dann aber erweitert wurde und heute Minderjährige beiderlei Geschlechts unter achtzehn Jahren betrifft.