G. Y., Kairo, im Oktober

In Kairo spürt man kaum etwas vom Krieg. Der Kairo-Alexandria-Expreß, ein komfortabler Dieselzug aus Ungarn, rast mit elegant gekleideten ägyptischen Geschäftsleuten und Offizieren in Uniform durch das Delta, vorbei an Wasserbüffeln und graubraunen Dörfern, die wie Sandburgen in dem ausladenden Grün liegen.

Die Geschäftsleute verstauen ihre nagelneuen Aktenkoffer in den Gepäcknetzen. Kellner in weißen Kitteln bringen Tee. Einige Chinesen, ein paar Sitzreihen entfernt, sprechen in einem sonderbar akzentuierten Arabisch mit ihrem Begleiter. Man läßt die Landschaft an sich vorübergleiten; nichts Militärisches ist an ihr zu entdecken. Pünktlich auf die Minute läuft der Zug ein.

Die ägyptischen Offiziere laufen in zugeknöpften Ausgehuniformen und mit piekfeinen, geknifften Mützen herum. Der Anblick kommt einem seltsam vor, wenn man gleichzeitig die Abschüsse der schweren Artillerie vom nur wenige Meilen entfernten Suezkanal herüberdröhnen hört; wenn man weiß, daß zur gleichen Zeit ägyptische und israelische Kommandotruppen durch die Sümpfe um Port Fuad aufeinander zuschleichen, und wenn allen klar ist, daß der Abnutzungskrieg gegen Israel jede Woche härter wird. In Israel tragen die Männer Kampfanzüge, das wirkt angemessener.

Die jungen ägyptischen Offiziersanwärter machen indes keineswegs einen schwächlichen und müden Eindruck. Erst kürzlich ist die Armee durch Offiziere aufgefrischt worden, die in der Sowjetunion ausgebildet wurden. Dennoch sind in den Straßen von Alexandria keine russischen Seeleute und ägyptischen Soldaten zusammen zu sehen. Offensichtlich gibt es Sprachprobleme. Russisch wird zwar an den Schulen und Universitäten gelehrt, aber zur Zeit ist Deutsch nach Englisch die populärste Sprache; man kann mit ihr sowohl in Osteuropa als auch in Westeuropa etwas anfangen. Englisch dominiert allerdings weiterhin. Ein Beamter der Informationsabteilung bekannte schüchtern, daß er gerade dabei sei, J. B. Priestleys Schauspiel "Gefährliche Kurven" für die Theatergesellschaft von Alexandria zu übersetzen. Die Schauspielgruppe der Universität versucht sich an allem – von Shakespeare bis Shaw.

In Kairo bedarf es einiger Vorstellungskraft, um sich darüber klar zu werden, daß man in einer Stadt ist, die sich im Krieg befindet. Die Stadt ist ungeheuerlich, wie ein riesiges, unbeholfenes Säugetier. Man sieht viel Militär, und die Brücken werden von Soldaten bewacht, die in ihren Zelten dicht dabei lagern. Aber die Sandsackbarrikaden an den Eingängen der Bürohäuser machen einen altersschwachen Eindruck, so, als seien sie vom vorletzten Krieg übriggeblieben.

Alexandria hingegen scheint näher an der Front zu liegen. Es ist dort kühler als in Kairo, der Strand ist herrlich, und die Preise sind niedriger. Aber Alexandria ist Ägyptens großer Hafen, der einzige, der an seiner Mittelmeerküste in Betrieb ist. Seine Raffinerie ist lebenswichtig geworden, nachdem die Suez-Raffinerie von den Israelis zerstört wurde. In der Stadt und ihrer Umgebung ist etwa ein Drittel der gesamten ägyptischen Industrie konzentriert. Sollte sich der Krieg verschärfen, dann ist die Gefahr für Alexandria weitaus größer als für Kairo. Hinter der englischen Fassade des Cecil Hotels in Alexandria, hinter der Schläfrigkeit, die das friedliche Hufgeklapper auf der Promenade noch verstärkt, verbergen sich Unruhe und Unsicherheit.