Von Dietrich Strothmann

Es ist kein Wunder, daß Uri Avneri, wiewohl ihm zahllose Beinamen gegeben wurden, so recht in kein Klischee paßt – das Land, in dem er lebt, das Volk, zu dem er gehört, lassen sich auch in keine Norm pressen. In diesem Sinne ist Avneri, 46 Jahre alt, Politiker und Journalist, Liebhaber von Perserkatzen und schnellen, schnittigen Autos, ein typischer Israeli. So ist auch sein Leben: Krieg seit der ersten Stunde, Gefahr, Not, Angst, Hoffnungslosigkeit. Und auch dies: Sehnsucht nach Frieden, Hoffnung auf ein normales Leben. Uri Avneri, der Unnormale unter lauter Unnormalen, hat sich zum Ziel gesetzt, dafür zu kämpfen.

Er streitet für das andere Israel, das Israel der Zukunft: ein Land im Frieden mit sich selber und seinen Nachbarn, eine Gesellschaft frei von der Bürokratie der Partei und der Macht der Synagoge, ein Staat ohne die Fesseln säkularer und religiöser Ideologie. Er kämpft für ein Israel, wie es heute nur in den Köpfen einiger weniger lebt, als Idee, als Traum. Selbst unter diesen wenigen ist Avneri noch ein Einzelgänger; manche halten ihn sogar für einen verschrobenen Sonderling.

Seinen Feinden gilt er gar als Häretiker, als Abtrünniger; sie vergleichen ihn mit einer "nicht sehr ernst zu nehmenden Pest". Sicher ist Avneri derzeit der unbeliebteste Israeli in Israel; allerdings ist er auch einer der bekanntesten. Sein Name ist fast zu einer Marke geworden, manchen sogar zu einem Symbol. Er sorgt für Schlagzeilen. Darin ist er seinem ärgsten Widersacher verwandt: Moshe Dayan. Zwar ist er kein Volksheld wie der einäugige Verteidigungsminister, aber er ist wie jener im Gespräch, oft auch im Gerede.

Gerade in diesen Tagen, im Wahlkampf zur 6. Knesset, sprechen viele Israeli von Avneri. Er ist einer der Kandidaten für das Jerusalemer Parlament. Seine Partei, die er in der letzten Legislaturperiode allein vertrat, sozusagen als "Solist", trägt den merkwürdigen Namen "Diese Welt – Neue Kraft".

1965 gewann er im ersten Anlauf über 14 000 Stimmen, das waren knapp 1,2 Prozent. Es reichte nur für einen Sitz, für seinen. Diesmal rechnet er sich zwei Mandate aus. Für die nächsten vier Jahre will Avneri im Duett für seine Sache streiten, gegen die Übermacht der Arbeiterpartei Golda Meirs und Moshe Dayans. Aber auch dann wird er nur ein einsamer Rufer in der Wüste sein, ein erfolgloser Frondeur für den Frieden, ein Ketzer ohne Fortune.

Das Kämpferische, Draufgängerische ist Uri Avneri nicht anzumerken. Er wirkt eher wie ein älterer Twen: graumeliert das lange, gepflegte Haar und der sorgfältig gestutzte Bart, smart, modebewußt, verwöhnt, den Annehmlichkeiten des Lebens zugetan. Wie ein selbstbewußter Sprößling reicher Eltern könnte er der exklusivextravaganten Gesellschaft des Jet-set zugerechnet werden, könnte man sich vorstellen, daß er die Mitgliedskarte eines Playboyklubs in der Brieftasche trägt. Doch dieser erste, flüchtige Eindruck täuscht.