"Irrtum und Leidenschaft", Roman von Walter Hasenclever, mit einem Nachwort von Kurt Pinthus. Von der geschliffenen Dialogspräche, der Begeisterungsfähigkeit des Expressionisten und Aufrührers, des ebenso sensitiven wie hochherzigen Lyrikers und Dramatikers der zwanziger Jahre ist in diesem nachgelassenen, 1939 im Exil niedergeschriebenen Roman nichts mehr zu finden, Der Inhalt erscheint zunächst fast privat: die Erinnerung an drei Frauen aus drei verschiedenen Abschnitten seines Lebens, Niederlagen, deren nachträgliche Bitternis sich auf alle Beziehungen mit Zeitgenossen der Jahre vor 1933 überträgt, die ihm zum Teil auf den Pariser Boulevards wiederbegegnen. Vergangenheit wird verworfen. Gewiß ist vieles aus der Enttäuschung und Resignation des Emigranten zu verstehen (von der "verhängnisvollen Torheit der menschenverbrüdernden Literaten ist die Rede), doch der Widerruf aller Begeisterung ist fast erschütternd. Man kann daher das Buch nicht als Endpunkt einer literarischen Entwicklung verstehen, sondern nur als biographisches Zeugnis, als Vorstufe jener Depressionen, die Hasenclever im Mai 1940 in einem französischen Internierungslager zum Selbstmord trieben. (Universitas Verlag, Berlin; 339 S., 19,80 DM)

Martin Gregor-Dellin

"Ulmer Brettspiele", Gedichte von Peter O. Chotjewitz. Mit farbiger Originalgraphik von Peer Wolfram. Bibliophile Ausstattung, Broschur, Einband mit Feinleinenpressung, farbige Originalgraphiken, dekorativ verteilter Text und der in den ordinäreren unter den vornehmen Ausgaben anzutreffende Hinweis, die ersten Exemplare dieses Bandes seien von 1 bis 100 handsigniert und numeriert, nützen alles nichts: Die 1965 in Erstauflage erschienenen Gedichte von Peter O. Chotjewitz sind und bleiben reichlich uninteressant. Es sind stakkatohaft verlaufende Verse aus jeweils wenig Worten, die eher wegen ihrer treibenden Rhythmik lesbar sind als auf Grund des Einfalls, das Leben mit Brettspielen zu vergleichen und die Menschen mit Schachfiguren: "das Hin und Her / unserer Liebe / war Brettspielen / gleich / auf dem / lausekammartigen / Grat / zwischen Können / und Wollen." Die Abgegriffenheit eines solchen von Literaten seit erdenklichen Zeiten bevorzugten Vergleichsschemas wird durch die leitmotivische Wiederkehr in den zwölf Gedichten besonders deutlich, und es erscheint zumindest bedenklich, daß es die gern progressive Eremitenpresse für "angebracht" gehalten hat, diesen Gedichtband "dem Leser wieder zugänglich zu machen". Es sei Autor und Verlag lediglich im Namen derer gedankt, die bei der Sammlung von Gegenwartsliteratur Vollständigkeitsfanatiker sind und denen also auch Chotjewitz’ erste wenig bemerkenswerte Gehversuche lieb und teuer und nicht zu teuer sind. (Eremiten-Presse, Stierstadt; 40 S., 6,80 DM) Christel Buschmann

"Lebenslänglich", Roman von Guido Seborga. Dies ist, wenn man will, ein sozialkritischer, ein politischer Roman, rezeptlos und pessimistisch. Dies ist, wenn man will, ein Buch über eine Stadt (Genua) und eine Landschaft (die italienische Riviera) und über die Faszination und die Fesseln, mit denen sie den dort Geborenen an sich bannen. Was Seborga – Protagonist des italienischen Realismus, Sozialist und Antifaschist, Schriftsteller und Maler und genießerischer alter Gammler an den Stränden der Ponente – hier erzählt, ist aber zuerst die Geschichte von Antonio und Giovanni: dem kleinen Schmuggler, der ein großer werden möchte, um sich die Freiheit seiner Existenz zu sichern – und dem kleinen Arbeiter, der ein Wissender und eine Kraft im Kampf der Arbeiter gegen Ausbeutung und Rechtlosigkeit werden will. "Lebenslänglich" ist schließlich ein psychologischer, ein deprimierend glaubhafter Roman. (Claassen Verlag, Hamburg; 203 S., 18,– DM) Elena Schöfer