Bielefeld Bis zum 26. Oktober, Kunsthalle: "Ernst Ludwig Kirchner aus Privatbesitz"

Eine Nachlese zu den vielen Kirchner-Retrospektiven der letzten Jahre, mit weitgehend unbekanntem Material. Die rund 200 Arbeiten, darunter 25 Gemälde, stammen zum größten Teil aus zwei Privatsammlungen, die bisher noch nicht geschlossen zu sehen waren, Ernesto Blohm aus Caracas und Graf von der Goltz aus Düsseldorf haben sich beide auf Kirchner spezialisiert. Jeder sammelt seinen eigenen Kirchner, und die kleineren beteiligten Sammler sammeln auch wieder jeder einen andern Kirchner, und durch diese unsystematische Summierung von unterschiedlichen, durch private und persönliche Vorlieben bestimmte Werkkomplexe erfährt man etwas über Kirchner, was noch keine der großen Ausstellungen so klar und unanfechtbar dokumentiert hat: das Phänomen einer hektischen Produktivität, einer stilistischen Unruhe und Unsicherheit, die immer neue Ziele anvisiert. Kirchner ist nicht nur der Initiator der "Brücke" und ihre stärkste geistige Potenz. Er enthält gleichsam die ganze Künstlergruppe und sogar darüber hinaus noch andere Künstler, die nie zur "Brücke" gehört haben. Er ist hart und lapidar wie Schmidt-Rottluff und naturromantisch wie Heckel. Der "Akt mit schwarzem Hut" ist eine Vorwegnahme der "Kapitalistischen Venus" von Dix und der "Liebesgarten" ein Nachklang von Kokoschkas "Träumenden Knaben". Er malt gelegentlich wie Picasso ("Die Tänzerin Palucca"), es gibt wundervoll lyrische Passagen, die an Dufy erinnern. Und das eigentlich Irritierende und eben auch Faszinierende besteht darin, daß es sich keineswegs nur um Übernahmen handelt, daß er, vielfach im gleichen kreativen Akt, Eigenes erfindet und Fremdes sich anverwandelt, daß dieser eine Künstler ein ganzes Künstlerkollektiv darstellt.

München Bis zum 31. Oktober: Galleria del Levante: "Alphonse Osbert"

Wieder einmal hat die Galleria del Levante (Mailand und München) einen total Vergessenen der Kunst um 1900 ausgegraben, Alphonse Osbert, der als junger Mann noch mit Seurat befreundet war und ihn um ein halbes Jahrhundert überlebte. Ein Meister des Symbolismus, "die naturhafteste Unnatur, die es je in der Malerei gegeben hat" (Emilio Bertonati), die Landschaft als Aura stilisierter Gefühle, von den "Muses dans la Forêt" um 1890 bis zum "Soir Lyrique" von 1922. Gedämpfter Schmerz, in Rostbraun und Violett. Eine in sich vollkommene Malerei, so feierlich und so gelassen wie die Strophen von Stefan George. Eine Sondergruppe bilden die Landschaften aus Ägypten, die um 1900 entstanden sind, als Osbert die Expedition Marchand auf der Suche nach den Quellen des Nils begleitete. Gottfried Sello

Weiterhin im Programm:

Essen Bis zum 31. Oktober, Galerie Thelen: ,,Erro"

Malerei als Protest, als politische Aggression. Pop-art und Engagement ergibt sozialistischen Surrealismus. Der Isländer Erro zeigt den Zyklus "American Interior" sowie Persiflagen auf die Päpste der modernen Kunst.