Kartoffelfeuer auf den Feldern, graue dicke Schwaden steigen in die Höhe. In den Niederungen der Bäche hängen Nebelschleier und das Herbstlaub schreit in brennenden Farben. Eigentlich war ich in Franken, um die Kunst dieses reichen Landes zu studieren, die großartigen geschichtlichen Zeugen, der Gotik, der Renaissance, des Barock und Rokoko. Große und kleine Juwele überall. Die Basilika Vierzehnheiligen, versteht sich, das Kloster Banz, schon in Oberfranken, und Bamberg und Coburg. Die Werke von Tilman Riemenschneider, Balthasar Neumann, Johann Dientzenhofer, aber auch von Georg Anton Urlaub und Johann Peter Herrlein. Machtvolle und exemplarische Werke, manche Neigung zu Pomp und Prunk, gelegentlich auch wohlkonservierte allegorische Schinken, nicht selten mit großen Namen signiert, Atelierroutine.

Die Bettenburg war ein idealer Ausgangspunkt für kurze Autofahrten. Etwa 40 Kilometer bis Vierzehnheiligen, das war schon eine der weitesten Fahrten. In Lahm im Itzgrund, einem stillen Dörfchen mit hübschen Brunnen, lockte mich die Schloßkirche, ein fröhlicher lichter Innenraum, so weltlich wie ein intimes Residenztheater. Besonderes Schmuckstück eine herrliche Barockorgel, die vielen Musikfreunden ein Begriff ist. Oder die kleine, aber anspruchsvolle Schloßkapelle im dreigeschossigen Barockbau des Schlosses Tambach. Ein Kirchenraum in der flammenden Heiterkeit des Spätrokoko, Weiß, Gold und helles Grün. Üppige Bildschnitzereien von Michael Trautmann, von dem auch Puttengruppen im Park und die allegorischen Figuren der Terrassenmauer stammen.

Seßlach an der Rodach, einem Nebenflüßchen der Itz. Das "uralte Seßlach", ein Städtchen von nur 800 Einwohnern, das schon 799, in der Zeit Karls des Großen, erwähnt wird und seit 1335 Stadtrecht besitzt. Ein altfränkischer Ort, noch ganz von Mauern umgeben, würdevolle Barockbauten, reizvolle Fachwerkhäuser, sanfter Blumenschmuck. Ackerbürger, Kleinbetriebe, wenig Fremdenverkehr. Der Ort ist noch fast unentdeckt an der Grenze der DDR. Das Mittelalterliche übt einen hohen Reiz auf jeden aus, der das Städtchen besucht, wenn das auch den Seßlachern nicht immer recht sein mag.

Immer wieder zog es mich nach Königshofen im Grabfeld. Oft saß ich auf dem überdimensionalen Markt in dem einzigen Straßencafé. Das war ein Logenplatz wie im Theater. Ich übersah den weiten Platz, auf dem drei Brunnen von Hunderten von Autos umzingelt werden. Schon fast verdeckt ist der alte Kornmeßstein aus der Zeit, als die Getreidemärkte der Stadt noch weithin bekannt waren. In der Mitte des Marktes ragt an einer Gassenecke das stattliche Rathaus auf. Am zierlichen Erkerturm das Wappen eines Fürstbischofs. So groß ist das Rathaus, daß, es neben der Verwaltung auch das Amtsgericht, die Volksbücherei und das Volksbildungswerk beherbergt, das sehr aktiv ist und für die Bürger der kleinen Stadt Konzerte, Vorträge, Theaterabende, Seminare und Exkursionen arrangiert. Hinter den renovierten Fachwerkhäusern ragt der Turm der Stadtkirche auf, von dem noch täglich der Türmer um sechs und um elf Uhr morgens sein Lied über die Dächer bläst.

Wie auf einer Bühne traten die Bewohner der Stadt und des gleichnamigen Landkreises auf, während ich im Café saß. Sie gingen und fuhren an mir vorbei. Förster und Landwirte entstiegen Dieselwagen, Hausfrauen von kräftiger bäuerlicher Statur trugen Einkäufe vom Markt nach Hause, lachende junge Männer und Mädchen, im Gehabe und Gebaren von großstädtischer Jugend nicht zu unterscheiden, tranken nebenan Cola und flirteten lebhaft. Und der Landrat, der mich immer wieder mitnahm auf Rundfahrten durch das großflächig gewellte, anmutig gegliederte, von den Wäldern der Haßberge, der Rhön und der Thüringer Berge eingefaßte Land voll kulturellen Reichtums, umfuhr auf dem wackligen Tisch die Grenzen seines Kreises und erklärte, warum es ein "Land im Schatten", fast noch ein Notstandsgebiet und ein touristisches Entwicklungsland sei.

Der Landkreis Königshofen im Grabfeld zählt zu den kleinsten und finanzschwachen bayerischen Landkreisen. Von seinen Grenzen sind 44,2 Kilometer, fast die Hälfte, Grenze zur DDR. Acht Straßen führten früher "nach drüben" und nur sechs ins Bayerische. Die wirtschaftlichen und familiären Verflechtungen mit dem thüringischen Nachbarland waren hier besonders eng.

In diesem Sommer ist die im ganzen 419 Kilometer lange Grenze zwischen Bayern und der DDR noch unüberwindlicher gemacht worden mit zwei Meter tiefen Gräben, mit Platten und Plastikminen in großer Zahl. Immer wieder werden die neuen Plaketten mit der Aufschrift "Deutsche Demokratische Republik" an den Grenzpfählen, die vor den Stacheldrahtzäunen direkte Berührung mit Königshofen haben, von Unbekannten nachts abmontiert, obwohl sie sehr fest angeschraubt sind und dieser "Ulk" hier sehr gefährlich ist, denn von drüben wird scharf geschossen.