ARD, Mittwoch, 8. Oktober: "Interview mit der Geschichte – Ferdinand Lassalle"

Ausgesehen haben mag er wirklich so wie Horst Tappert; schön muß er gewesen sein mit dem schwarzen Haar und dem Aristokraten-Gesicht; weltbürgerlich in seinem vortrefflich geschnittenen Habit: äußerlich ein Dandy eher als ein Revolutionär. Ein Mirabeau wollte er sein, aber Heine meinte, dazu sei er nicht pockennarbig genug: jener Schauspieler und Advokat, der es wagte, sich vor Gericht als dramatischer Künstler zu geben und, mit Frack und Lackschuhen, aus dem Saal des Rechts ein Theater zu machen.

Diener hatten Bücher herbeizuschleppen, auf einem Tischchen stapelten sich Folianten oder Broschüren... eine kleine Privatbibliothek kam zusammen, und auch wenn er in Sälen sprach – mit der berühmten Bewegung seiner rechten Hand beginnend: sehr fremdwortreich und akademisch, weit ausholend und mit Zahlen jonglierend – die Bücher fehlten nicht. Möglicherweise waren sie sogar am 16. April 1862 dabei, als Lassalle in einem Berliner Bürger-Bezirksverein seine berühmte Verfassungsrede hielt: eine Rede im Tenor der Sklavensprache, ein Meisterstück der getarnten Propaganda, das Konjunktive in Befehle und Hörsaal-Definitionen in Agitations-Elemente verwandelte.

Doch von diesem Lassalle, dem sozialistischen Agitator und Demagogen auf dem Katheder, war in Jam Bredes Interview mit Tappert (alias Ferdinand Lassalle) so wenig wie von dem Theoretiker und Gelehrten die Rede. Statt dessen wurde, nach guter Regenbogen-Presse-Art, in erster Linie der Duellant und Galan, der Lebemann und Hasardeur gezeigt: souverän und elegisch, verspielt und zynisch – ein Privatier und kein Politiker. Weder ein hassenswerter Itzig (eine Bezeichnung von Karl Marx, und keineswegs die bösartigste) noch ein Mann, dem das unsterbliche Verdienst (wiederum ein Ausdruck von Marx) zukommt, eine organisierte deutsche Arbeiterbewegung geschaffen zu haben. Die Analysen Carlo Schmids und Abendroths – erhellend der Vergleich zwischen den national gesinnten Sozialisten Lassalle und Schumacher! – standen für sich.

Das unpolitische Porträt hatte mit der historischen Wirklichkeit nur wenig gemein; man sah ein höchst privates Heldenbild; Gesellschaftliches rückte nie in den Blick, keine Rede von Klassen-Antagonismen, Herrschafts-Privilegien und Arbeiter-Löhnen, von der Ideologie der roten Republikaner und der Ideologie der Konservativen, alles ist gemacht, alles ist zu verändern, sagen die einen, alles ist organisch gewachsen, entgegnen die anderen, alles muß ewig so bleiben ... in diesem Spannungsfeld Lassalle, der Revolutionär, und Lassalle, der Apologet einer Politik Friedrichs des Großen!

Schulfunk, Kinderfunk (ich verstehe nicht, Sie verstehen recht gut, Herr Lassalle; es ging um den Goldfuchs, wie Sie Helene genannt haben), ein Interview im Soraya-Stil. Ein Lebemann (von Tappert glanzvoll dargestellt) schwebte über den Wassern, lebte jenseits der Zeit, hatte kein historisches Schicksal (hier die Idee des Staates, dort der konkrete Gesellschaftsbezug), war angesiedelt im Olymp der bunten Gazetten. Ein Mann ohne Schatten. Momos