Hannoversch-Münden

Kaum ein anderer Beruf bringt Sie so unmittelbar mit anderen Menschen zusamen", warb der Brief. "Die Polizei bietet eine vielseitige und interessante Tätigkeit. Hier haben Sie die Chance, durch Übernahme von Verantwortung und selbständige Leistung voranzukommen, Ihrem Leben vom Beruf her einen guten Sinn zu geben und sich zu einer Persönlichkeit zu entwickeln, die im Leben ihren Mann steht."

Mit diesen Worten warb Polizeidirektor Hermann Bosch, Leiter der Landespolizeischule Niedersachsen in Hannoversch-Münden, für Nachwuchs. APO-Auseinandersetzungen und geringe Bezahlung verschlechterten in den vergangenen Jahren das Ansehen des Polizeiberufs dermaßen, daß allein in Niedersachsen heute 900 Polizisten fehlen. In Hannoversch-Münden sollten alle sechs Monate 250 bis 300 neue Bewerbungen für die Polizeilaufbahn eingehen. Doch nur ein Bruchteil der erwünschten; Bewerberzahl meldet sich tatsächlich.

Hinzu kommt, daß mancher Niedersachse auf nordrhein-westfälische Werbung anspringt. Die reichen Nachbarn aus Düsseldorf setzen seit Jahren viel Zeit und Geld ein, um ihre Polizeitruppe möglichst auf Sollstärke zu halten. So kam Schulleiter Bosch auf die Idee, mit seinen beschränkten Mitteln zu versuchen, was andernorts koordiniert in großem Stil betrieben wird: zu werben.

Der beschränkte Versuch begann Anfang des Jahres. 10 000 Handwerkern wurde mitgeteilt, wie schlecht sie doch ihre Berufswahl getroffen hätten. "Ist Ihnen bekannt, daß nach wissenschaftlichen Feststellungen im angebrochenen Zeitalter der Computer und Automaten jeder zweite Arbeitnehmer seinen Beruf wird wechseln müssen, jeder dritte sogar mehrfach?", klärte Lehrer Bosch die Öffentlichkeit auf. Als unsichere Berufe kennzeichnete er Bau- und Möbeltischlerei, Bäcker, Maurer, Schmied sowie Einzel- und Großhandelskaufmann. Die Polizei hingegen biete eine existenzsichere Lebensstellung.

Der Erfolg der Werbung entsprach nicht den polizeilichen Erwartungen. Von den 10 000 angeschriebenen Junghandwerkern und Gesellen meldeten sich 35, von denen schließlich zehn die Aufnahmeprüfung bestanden. In den Reihen der Handwerksbetriebe und Handwerkskammern brach ob dieser billigen und zum Teil auch unwahren Abwerbungsmethoden der Polizei ein Sturm der Entrüstung aus. Doch die Polizei-Werber ließen sich nicht irritieren. Noch während eine Anfrage der oppositionellen FDP-Fraktion im niedersächsischen Landtag an den SPD-Innenminister Richard Lehners wegen der Werbebriefe aus der Polizeischule lief, verschickte Schulleiter Bosch im Mai dieses Jahres noch einmal 30 000 Briefe gleichlautenden Inhalts an junge Leute. Es sollten die letzten Schreiben dieser Art sein, denn obwohl Polizeidirektor Bosch von der Richtigkeit seiner Aktion überzeugt ist, verbot ihm jetzt sein Minister dergleichen. Mehr Geld für eine ‚saubere‘ Werbung erhielt er indes auch nicht: Detlef Sprickmann Kerkerinck