Frankfurt am Main

Der neue hessische Ministerpräsident Albert Osswald ist vom Pech verfolgt: Seine großen Tage werden von noch größeren Ereignissen überschattet. Als ihn am 3. Oktober die SPD-Mehrheit im Wiesbadener Landtag zum neuen Regierungschef wählte, war das Interesse der Öffentlichkeit auf Bonn orientiert, wo sich nach den Bundestagswahlen die große Wachablösung anbahnte. Am 22. Oktober will Ministerpräsident Osswald vor der hessischen Volksvertretung seine Regierungserklärung abgeben. Aber das Interesse wird sich in Grenzen halten, denn an diesem Tage wird voraussichtlich im Bundestag Willy Brandt zum Kanzler gewählt.

Dabei hat es Albert Osswald dringend nötig, Popularitätsgewinne zu erzielen, denn sein Vorgänger heißt Georg August Zinn. Der Nachfolger muß sich erst einmal bekanntmachen, seit er zum Thronfolger designiert wurde. Dabei genügt es nicht, daß sich Osswald in jeder Lebenslage gut photographieren läßt und die Hofchronisten in ihm eine Mischung von Tennis-Champion und Preisboxer sehen. Tag und Nacht zog er durch das Land. "Hessen-Fahrt" hieß das Unternehmen. Offiziell galt das als Bundestagswahlkampf. Der neue hessische Ministerpräsident liebt die Begegnung mit Menschen und genießt den öffentlichen Auftritt. Er wird sich nicht selbst untreu, wenn er bei Kindergarten-Besichtigungen den Kleinen Schokolade mitbringt oder ein Hallenbad mit einem Sprung vom Dreimeterbrett einweiht.

Dabei ist er in Festzelten oder beim Solo-Gesangsvortrag bei der Ebbelwoi-Fernsehsendung "Zum blauen Bock" genau so sicher und unbefangen wie bei feierlichem Zeremoniell zwischen ordensgeschmückten Frackbrüsten und Abendroben. Ein Mann ohne Hemmungen, ohne Komplexe. Das ist deshalb so bemerkenswert, weil er "von unten" kommt. Ein Selfmademan, ein Autodidakt. Jahrgang 1919; in einer SPD-Familie in Gießen-Wieseck aufgewachsen. Mittlere Reife, kaufmännische Lehre, während des Krieges Soldat.

Aus Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, geht dann alles Zug um Zug: im Jahre 1945 Prüfung als Finanzbuchhalter und Steuersachverständiger. Mit 30 Jahren Stadtverordneter, drei Jahre später Stadtverordneten-Vorsteher. Dann Stadtkämmerer und Bürgermeister in Gießen. Vier Jahre später Oberbürgermeister. Er nimmt sich niemals mehr vor, als er tatsächlich schaffen kann. Mit 43 Jahren wird er – jüngstes Kabinettsmitglied – Wirtschaftsminister in der Regierung Zinn. Nach drei Jahren wechselt er in das Finanzministerium über.

Der Nachfolger von Georg August Zinn hat sich nicht an diesen Platz hochgeboxt. Als ein Mensch ohne Ecken konnte er auch nirgends anecken. Bei Diskussionen spürt er mit sicherem Instinkt den Ausgang von Auseinandersetzungen. Er ist nie gestolpert, weil er Mehrheitsbildungen schon im voraus spürt. Der Weg seiner Partei zum Godesberger-Programm hat den Süd-Hessen Osswald nie in Konfliktsituationen gebracht. Im Gegenteil: Diese Entwicklung entsprach voll und ganz seiner Persönlichkeit. Denn: Albert Osswald ist kein Ideologe; er ist ein nüchterner Pragmatiker. Eine Computergesteuerte Verwaltung ist wohl das einzige, was sein Herz höher schlagen lassen kann.

Seinen politischen Standort bezeichnet er selbst als "sozialliberal". Für den Vorsitzenden des SPD-Bezirkes Hessen-Süd mit seiner Rebellen-Tradition ein bemerkenswertes Bekenntnis. So war es nur konsequent, daß Osswald die südhessischen Forderungen nach der Anerkennung der DDR und der Oder-Neiße-Grenze beim SPD-Vorstand in Bonn auf seine Weise interpretierte. Von jedem etwas, aber nicht zuviel: In der Deutschland-Politik, in der Frage der Mitbestimmung, bei der Vermögenspolitik. Beim Streit um die Finanzreform erwies er sich als ein Meister des Kompromisses. Manche Kenner der Wiesbadener politischen Bühne veranlaßt das zu einer skeptischen Beurteilung: Zuviel Pragmatismus, zuwenig Politik; zuviel Taktik, zuwenig Substanz. Nun, darüber läßt sich streiten. Sicher ist: Seit Zinns Rücktritt ist alles in Hessen eine Schuhnummer kleiner geworden.

Gerhard Ziegler