Von Peter F. Drucker

Eine Zeit der Neuerungen und technischen Veränderungen stellt große Anforderungen an die Regierungspolitik. Diese Anforderungen sind vielleicht noch schwerer zu erfüllen als die des Unternehmers.

In einer Zeit raschen Wandels, in der neue Industrien als neue dynamische Kräfte auftreten, darf die Regierungspolitik vor allem die Beweglichkeit der Produktionsmittel nicht ausschalten oder hemmen. Menschen und Kapital, die beiden beweglichen Mittel jeder Wirtschaft, müssen sich frei, aus der Verwendung bei der Arbeit von gestern heraus in die produktivsten Positionen hinein bewegen können.

Eine solche Bewegungsfreiheit ist zum Wohl des Einzelmenschen wesentlich. Weniger produktive Beschäftigungen sind zwangsläufig schlechter bezahlt. Die freie Bewegung zur produktiveren Arbeit zu hemmen heißt daher, dem Einzelmenschen, der angeblich "geschützt" ist, ein niedrigeres Einkommen aufzuzwingen. Ja, dadurch ist der einzelne sogar von Arbeitslosigkeit oder zumindest von Unsicherheit, Angst und Sorge bedroht. Je produktiver die Arbeit, um so erfreulicher und für den einzelnen befriedigender ist sie gewöhnlich. Das trifft besonders heute zu, da die Arbeit mit größter Produktivität in den entwickelten Ländern immer weniger manueller und immer mehr geistiger Art ist, was dem einzelnen vermehrt die Möglichkeit bietet, seinen Lebensunterhalt mit Tätigkeiten zu verdienen, die ihm Freude machen und ihn mit Stolz erfüllen.

Kapital muß ebenfalls produktiven Anlagen zufließen können. Je fortgeschrittener eine Wirtschaft ist, um so wichtiger ist eine optimale Nutzung des Kapitals. Denn "fortgeschritten" nennt man eine Wirtschaft ja dann, wenn die Produktivität ihres Kapitals ständig steigt oder wenn sich ihr Kapital von Verwendungsmöglichkeiten niedriger Produktivität weg- zu solchen von höherer Produktivität hinbewegt. Das ist der einzig richtige Weg, auf dem ein Land einen höheren Lebensstandard und Vollbeschäftigung finden kann. Auf diesem Wege bleibt ein entwickeltes Land auch konkurrenzfähig, wenn andere weniger entwickelte Länder sich zu entfalten beginnen und ihre wirtschaftliche Kapazität und Leistung entwickeln.

Als Folge der 50jährigen wirtschaftlichen Kontinuität jedoch sind die entwickelten Länder heute darauf ausgerichtet, die Beweglichkeit der Menschen zu hemmen und die Beweglichkeit des Kapitals zu benachteiligen. Diese Tendenz ist besonders deutlich in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien – und kann vielleicht eine der Hauptursachen dafür sein, daß die Industrie Großbritanniens sich rückläufig statt aufstrebend entwickelt. Aber die anderen entwickelten Länder, ob nun Westeuropa, der sowjetische Block oder Japan, sind nicht viel anders, obwohl einige von ihnen Mittel und Wege gefunden haben, ihre Wirtschaftsstruktur mit einer gewissen Beweglichkeit auszustatten.

Die größte Hürde zum wirtschaftlichen Wachstum in den Vereinigten Staaten und Großbritannien bilden die gewerblichen Arbeitsorganisationen und besonders die gewerbliche Arbeitsgewerkschaft, die größten Wert darauf legt, alles so zu machen, wie es schon immer gemacht wurde. Die gewerbliche Arbeit der Gewerkschaft mit ihren "jurisdictions" und "demarcations" (dem amerikanischen bzw. britischen Ausdruck; der zuletzt genannte ist der britische Ausdruck für gewerkschaftliche Einschränkungen) verbietet ausdrücklich das Erlernen neuer Fertigkeit und verriegelt gleichzeitig Branchenfremden den Zugang zu Facharbeiterposten.