Von Ernst Weisenfeld

Paris, im Oktober

Fast ein halbes Jahr ist seit dem Tage vergangen, an dem General de Gaulle lapidar mitteilte, er werde ab 28. April zwölf Uhr aufhören, sein Amt als Staatspräsident weiter auszuüben. Er hatte damit die erwartete Konsequenz aus einem mißglückten Volksentscheid gezogen, in dem ein Teil seiner Anhänger immer noch einen politischen Selbstmord sehen will und der für alle unbestreitbar das tragische Ende des Verfalls seiner Autorität gewesen war.

Das gaullistische Lager war zunächst damit beschäftigt, die Scherben zu kitten und sich an der Macht zu halten. Erst danach ist es von einer Diskussion erfaßt worden, in der die legitimen Nachfolger und Sachwalter immer wieder dem Verdacht der Untreue begegnen. Staatspräsident Pompidou trifft dabei auch der Vorwurf, er habe de Gaulles Autoritätsverlust durch Bemerkungen und Gesten ins öffentliche Bewußtsein gerückt und dadurch das Ende beschleunigt.

Die Oppositionsparteien wurden von der Wahl Pompidous zum Nachfolger keineswegs überrascht, wohl aber von der im Wahlkampf vorübergehend auftauchenden und durchaus konkreten Aussicht auf ihren eigenen Sieg, auf den sie überhaupt nicht vorbereitet waren und den sie dann auch völlig verspielten. Sie unterließen nichts, um aller Welt deutlich zu machen, wie zerrissen sie sind. Die Annahme, bei einem Abgang des Generals werde das gaullistische Lager zerfallen, erwies sich als Irrtum. Das genaue Gegenteil trat ein; die alten Parteien und die von ihnen versuchten Zusammenschlüsse waren erfolgloser denn je; sie haben sich bis heute nicht von dem Schock erholt oder sind sogar zugrunde gegangen. Dieses Schicksal traf die bereits dahinsiechende "Föderation der demokratischen und sozialistischen Linken". Ihr Präsident, François Mitterrand, der 1965 noch General de Gaulle zum zweiten Wahlgang zwang und fast 45 Prozent der Stimmen gegen ihn errungen hatte, ist heute nur noch ein parlamentarischer Einzelgänger. Der Zerfall dieses Lagers kam der Kommunistischen Partei Frankreichs zugute. Aber sie kann diesen Erfolg kaum nutzen, nicht zuletzt wegen der Diskussion um Prag.

Das alles erklärt die Verdrossenheit im nachgaullistischen Frankreich. Sie hat auf die breite Öffentlichkeit übergegriffen, als die neue Führung im August, in einem Augenblick der Zufriedenheit und Ruhe, der dem Überraschungseffekt entgegenkam, den Franc abwerten mußte. Die Haltung des Franzosen gegenüber seiner Regierung wird nun wieder von der ihm angeborenen Skepsis bestimmt und von seinem Willen, sich den notwendigen Einschränkungen zu entziehen. Jeder blickt auf Preise und Löhne.

Die Regierung verheimlicht keineswegs, daß sie Opfer von allen verlangen muß. Vielmehr versucht sie, alle langsam an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sie hat jede Schockmaßnahme zu vermeiden gewußt und muß nun nach und nach die Schrauben fester anziehen. Man kann noch nicht sagen, daß sie damit falsch handelte. Aber mit Sicherheit läßt sich feststellen, daß sich das Unbehagen im ganzen Land ausgebreitet hat und jeder – im positiven wie im negativen Sinne – auf einen zündenden Funken wartet. Doch von den Politikern ist nichts zu erwarten. So trottet Frankreich vor sich hin, und niemals stieß der Versuch, Kräfte und Gegenkräfte auszuloten, so schnell auf Gummi wie heute.