Von Marion Schreiber

Ein Lokal, in dem die jungen Leute aus der Nachbarschaft ihr Feierabendbier trinken, den Schlagern aus der Musikbox lauschen, klönen, Skat spielen, in einem solchen Lokal in Hannover geht eines Abends die Tür auf: zwei neue Gäste, unternehmungslustig, neugierig, vielleicht ein wenig beklommen. Sie sind im Twen-Alter, doch allen Vorstellungen nach, die man von dieser Kategorie des Jungseins hat, kaum Twens zu nennen; denn sie können sich nur mit Hilfe eines Rollstuhls fortbewegen. Die Reaktion des Wirtes ist scharf, er weist sie hinaus: sie würden ihm die Kundschaft vertreiben, die Stimmung verderben. Da sich jedoch die übrigen Gäste nicht so verhielten, wie erwartet, sondern sich mit den Abgewiesenen vor der Tür solidarisierten, verhalfen sie einem recht alltäglichen Vorfall zu überregionaler Publizität.

Ein anderes Beispiel: In Erlangen suchten aufgebrachte Villenbesitzer zu verhindern, daß in ihrer Nachbarschaft ein Heim für körperbehinderte Kinder gebaut wird... Sie glaubten das Privileg ihrer heilen Welt bedroht und fürchteten eine Wertminderung ihrer Grundstücke.

Daß es sich bei diesen Reaktionen keineswegs um unmenschliche Einzelfälle handelt, ermittelten zwei Kölner Psychologen, die im Auftrag der Forschungsgemeinschaft "Das körperbehinderte Kind" die Einstellung unserer Gesellschaft zu Körperbehinderten untersuchten. Eine repräsentative Befragung ergab: 80 Prozent der Bundesbürger sind der Meinung, daß man sich vor Körperbehinderten ekeln kann; 56 Prozent machten nicht gern mit einem Körperbehinderten in einem Haus wohnen; 63 Prozent der Befragten stimmten dem Alternativvorschlag zu, ein Kind mit Fehlbildungen sollte nicht unbedingt am Leben erhalten werden; 72 Prozent befürworteten eine Schwangerschaftsunterbrechung, wenn mit Sicherheit zu erwarten ist, daß die Mutter ein mißgebildetes Kind zur Welt bringen wird.

Die Korrelation zwischen entschiedener Ablehnung der Behinderten und dem Wunsch nach einer Lösung dieses Problems, die der sogenannten "Euthanasie" nahekommt, ist offensichtlich eng. So gaben in parallelen Tiefeninterviews die meisten Befragten unumwunden zu, eine solche Lösungsmöglichkeit in Betracht zu ziehen – zum Besten der Behinderten, wie es immer wieder hieß, die auf diese Weise von ihrer Qual erlöst werden könnten.

Sind Mitgefühl und Mitlied mit den Betroffenen aber tatsächlich die wichtigsten Beweggründe einer Befürwortung dieser Art der "Euthanasie", sprich: der Tötung "unwerten Lebens"? Die Ergebnisse der demoskopischen Umfrage lassen eher auf egoistische Motive schließen. Denn 61 Prozent meinen, für einen Körperbehinderten sei sein eigenes Schicksal viel weniger hart als für die Menschen, die mit ihm zusammenleben. Nicht der Behinderte, so scheint es, sondern die Umwelt soll "erlöst" werden.

In diese Richtung weist auch die von zwei Dritteln der Befragten geäußerte Meinung, die Körperbehinderten seien am besten in Heimen aufgehoben. Einer Konfrontation mit diesem Problem sucht man möglichst auszuweichen. Die meisten sind zwar bereit, Gegenstände zu kaufen, die von Körperbehinderten angefertigt werden, oder Geldspenden zu überweisen; doch nur wenige sind geneigt, persönlichen Kontakt mit ihnen aufzunehmen.