Zu einer neuen Etappe in der Geschichte der Raumfahrt sind in den letzten Tagen die Sowjets aufgebrochen. Innerhalb von 72 Stunden wurden vom Kosmodrom Baikonur drei Sojus-Raumschiffe gestartet. Sie beförderten sieben Kosmonauten in eine Erdumlaufbahn. Über die Aufgaben der Raumfahrer wurden keine offiziellen Angaben gemacht. Es wird jedoch angenommen, daß die Kosmonautenneue Kopplungs- und Schweißtechniken testen wollen.

Die Erprobung der Raumfahrtkapseln vom Typ Sojus (deutsch: Vereinigung) begann vor fünf Jahren. Zunächst wurden einige unbemannte Flugkörper dieser Serie im Weltraum geprüft. Dann begann mit wechselhaftem Erfolg das eigentliche Sojus-Programm. • Am 23. April 1967 startete Wladimir Komarow mit Sojus 1 in den Welteraum. Einen Tag später mußte der Kosmonaut, wahrscheinlich wegen Stabilisator chwierigkeiten, den Rückflug antreten. Beim Landemanöver verfingen sich die Fallschirmleinen, Sojus 1 schlug ungebremst auf die Erde, und Komarow fand den Tod.

  • Erst 18 Monate später wurde das Programm mit dem Start der unbemannten Sojus 2 wieder aufgenommen. Einen Tag danach, am 26. Oktober 1968, führte Georgi Beregowoi in Sojus 3 mit dem Schwesterschiff Rendezvousmanöver, jedoch keine Kopplungsesperimente durch.
  • Ein Kopplungsmanöver gelang den Sowjets (die Amerikaner hatten solche Experimente bereits an 13. März 1966 mit Gemini 8 und danach dreimal mit anderen Gemini-Kapseln durchgeführt) erst mit "Sojus 4" und "Sojus 5" im Januardieses Jahres. Nach der Kopplung waren die Kosmonauten Chrunow und Jelissejew in das von Schatalow gesteuerte Raumschiff "Sojus 4" umgestiegen und mit ihm zur Erde zurückgekehrt.

Über die Zielsetzungen ihres neuesten Raumfahrtexperimentes haben die Sowjets noch keine eindeutigen Hinweise gegeben. Es ist jedoch damit zu rechnen, daß mit den drei Flugkörpern die Aufgaben in Angriff genommen werden sollen, die der sowjetische Raumfahrtexperte Professor W. Selesnew auf einer Pressekonferenz im Oktober 1968 für Kapseln vom Typ Sojus aufzeichnete, nämlich den Aufbau von bemannten Weltraumstationen.

Laut Professor Selesnew können diese Stationen eine Vielzahl von Funktionen erfüllen: Von ihnen aus können die Sonnenaktivität, die Strahlung außerhalb der Erde und Vorgänge auf der Erdoberfläche registriert und beobachtet werden; sie können außerdem als Treibstoffdepots für interplanetare Flüge oder als Rettungsstationen für in Not geratene Kosmonauten dienen – von ihren militärischen Verwendungsmöglichkeiten ganz zu schweigen (über sie schwieg auch Professor Selesnew).