Von Andreas Hillgruber

Georgi K. Schukow: "Erinnerungen und Gedanken"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1969; 692 Seiten, 32 Seiten Abbildungen, 10 Karten, 28,– DM.

Jetzt dürfen sie reden." Dieser Titel eines 1949 erschienenen Buches des britischen Militärschriftstellers Liddell Hart, das Aussagen kriegsgefangener deutscher Generale über Hitlers Kriegführung wiedergab, fällt einem zwanzig Jahre später unwillkürlich ein, nimmt man das Memoirenwerk des im Westen wohl populärsten sowjetischen Heerführers zur Hand. Das Buch, für das mit dem Anklang an Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" geworben wird, erweckt sehr hohe Erwartungen, zumal die Flut von Militärmemoiren, die sich in der Bundesrepublik um 1950 verbreitete, in der Sowjetunion in einer Phasenverschiebung erst seit Anfang der sechziger Jahre allmählich aufgekommen ist, und zwar nachdem, wie es in der offiziellen "Geschichte des Großen nihilistische schen Krieges" sibyllinisch heißt, "die nihilistische Einstellung zu diesem Literaturgenre, das von wissenschaftlichem Interesse ist und große erzieherische Bedeutung besitzt,... überwunden" war.

Nach der Übersetzung einiger Werke sowjetischer Marschälle und Generäle in der Deutschen Demokratischen Republik ist nun erstmals auch in der Bundesrepublik eine deutsche Ausgabe erschienen. Sie wurde besorgt vom Verlag der Presseagentur Nowosti in Moskau, hat also keinen westdeutschen Übersetzer. Ob Kürzungen oder Veränderungen gegenüber dem sowjetischen Original vorgenommen wurden, wird nirgends gesagt, müßte daher vor einer wissenschaftlichen Auswertung dieser deutschen Ausgabe geprüft werden.

Um das Entscheidende vorwegzunehmen: Wer Aufschlüsse über Probleme der sowjetischen Innen- oder Außenpolitik welcher Art auch immer erwartet, wird das Buch schnell enttäuscht beiseite legen. Wer hingegen am Verlauf des deutschsowjetischen Krieges 1941/45 und der sowjetischen militärischen Führung interessiert ist, kann aus Schukows Erinnerungen einiges Neue erfahren. Abgesehen von den Einleitungskapiteln über Kindheit und Jugend – Schukow stammte aus ganz ärmlichen Verhältnissen, sein Vater war Schuhmacher in einem Dorf des Gouvernements Kaluga – beschränken sich die Erinnerungen auf den militärischen Werdegang (Generalstabschef, dann Oberbefehlshaber verschiedener "Frönten" [Heeresgruppen] und durchgängig 1941/45 Stellvertreter Stalins im Oberkommando während des "Großen Vaterländischen Krieges"). Es fehlt jede Aussage über die Rolle des Verfassers in der Nachkriegszeit bis zu seinem Sturz als Verteidigungsminister durch Chruschtschow im Oktober 1957. (Chruschtschow erhält einige versteckte Seitenhiebe.)

Sofern sich politische Aussagen nicht ganz vermeiden lassen, hält sich Schukow an die gegenwärtige Parteilinie, die die Erhellung bestimmter in der Stalin-Ära verschwiegener Aspekte der sowjetischen Geschichte erlaubt, andere hingegen nach wie vor unterdrückt. So wird etwa Tuchatschewski als Organisator der Roten Armee rühmend erwähnt. Sein Ende und die anschließende Katastrophe eines Großteils des Offizierskorps in der "Säuberung" der Jahre 1937/38 kann man allenfalls "erahnen", weil die Wahrheit immer noch nicht ausgesprochen werden darf. Kontroversen gibt es nur im militärfachlichen Rahmen, zumeist im operativen Bereich mit Marschall-Kollegen, vor allem mit Tschuikow um die Schlacht von Berlin.

Am wichtigsten für das Verständnis der sowjetischen Führung im Kriege sind die Mitteilungen über Stalin als "Feldherr". Auch hier hält sich der Verfasser an die gegenwärtige Mittellinie zwischen der Verhimmelung der Spät-Stalin-Ära und der Herabsetzung Stalins in der Chruschtschow-Zeit. Frappierend sind die Parallelen zu den Aussagen vieler regimetreuer, aber auf dem militärischen Fachgebiet kritisch eingestellten deutscher Generale über den "dämonischen" Hitler. Einige Passagen zeigen dies in verblüffender Weise: