Von Felix Schmidt

Als der Autor nach Literatur suchte, "die ihm helfen könnte, in die Materie einzudringen" und sich für sein Buch

Dietrich Schulz-Koehn: "Vive la chanson"; Bertelsmann Sachbuchverlag, Gütersloh; 192 S., 19,80 Mark,

"Maßstäbe zur Beurteilung anzueignen", da, fand er nichts Brauchbares: nur ein paar Interviews, ein paar "biographische Zusammenfassungen", ein paar "oberflächliche Themenaufzählungen". "Es scheint", rügt der Journalist Schulz-Koehn, "daß hier Journalisten mit der linken Hand etwas für den Tag geschrieben haben ..."

Wie sorgfältig dieser Autor sein Thema recherchiert hat, wird so recht deutlich, wenn man zusammenzählt, daß in den letzten Jahren allein in Frankreich an die zwanzig Bücher erschienen sind, die sich mit dem Chanson befassen, unter anderem "La chanson et ses vedettes" von Jacques Marny, "Histoire de la chanson" von Guy Erismann, "La chanson à Montmartre" von Michel Herbert, "Vingt ans de chanson" von Lucien Rioux. Natürlich sind diese Bücher nicht so profund wie das von Schulz-Koehn: "Das Schöne am Chanson ist", so grübelt er im Vorwort, "daß es so menschlich ist. Es ist unmittelbar, intim, es kleidet Gedanken und Empfindungen, die wir alle haben, in eine leicht faßlich ansprechende Form, es ist Kunst, ohne prätentiös zu sein. Es ist nicht so ‚anspruchsvoll‘ wie die Werke der fernsten Musik‘, aber auch nicht aggressiv und herausfordernd ... Ihm haftet etwas von Eleganz und der Kunst des savoirvivre an, undefinierbar wie Parfüm."

Sachkenntnisse auf diesem Niveau vermittelt Schulz-Koehn in seinem Buch über die "Kunst zwischen Show und Poesie" – so der Untertitel – die Fülle: Er weiß zu berichten, daß "das rechte Seine-Ufer viele Bezirke und Gesichter", daß "der Franzose auch unter Tränen noch ein Lächeln hat – und umgekehrt", daß er "die Geselligkeit liebt, er braucht das Du, sei es in der Liebe, in der Kameradschaft, in der Freundschaft oder in der Gesellschaft, er schätzt alles, was damit zusammenhängt und daraus entspringt: Charme und Verbindlichkeit, gut gesetzte Worte, Höflichkeit, einen geistreichen Gedankenaustausch und Humor, während sich der Deutsche in der Einsamkeit wohler fühlt und ‚mit sich ringt‘."

Mit derlei Platitüden, törichten Vereinfachungen und stets unter Verwendung von viel "Witz, Esprit und Charme hilft sich der Autor darüber hinweg, daß er zumindest über das französische Chanson kaum etwas zu sagen hat. Gänzlich unanalytisch, ohne jede distanzierende Wertung, manchmal im Hurrastil der Fans, aber meist ganz ohne Stil – man hat oft das Gefühl, als habe er seine Materialsammlung zum Druck gegeben – reiht Schulz-Koehn seine kargen, keineswegs neuen und auch dann und wann falschen Informationen aneinander. Ein Beispiel mag genügen: Schulz-Koehn läßt Philippe Smet und Johnny Hallyday gemeinsam auftreten – denn er weiß nicht, daß Hallyday das Pseudonym von Smet ist.