Von Arno Hahnert

DieKöpenicker säumen die Straßen, sie rufen, sie lachen, sie haben ihr Gaudium: Durch das alte Fischerstädtchen marschiert ein schnauzbärtiger Mann in der Uniform eines kaiserlichen Hauptmanns an der Spitze altpreußischer Musketiere – der Hauptmann von Köpenick besucht alljährlich die Stadt und das Rathaus. Die Annalen preußischer Geschichte werden lebendig. Zu Zehntausenden fahren: die Berliner mit der Straßenbahn hinaus, um sich den Spaß nicht entgehen zu lassen. "Köpenicker Sommer" heißt das Volksfest, und wenn von Spree und Dahme ein leichter Wind herüberweht, gibt es kaum jemanden, der an diesem Tag über die Wärme klagt.

fein Straßenbahn-Veteran vonAnno 1903 fährt vor dem Hauptmann und seiner Truppe – verkleidete Soldaten der "Nationalen Volksarmee". Die Jugend umringt den gutgenährten Volkskünstler Flössel, der für zwei Stunden in die enggeschlossene Montur eines preußischen Offiziers schlüpft und kaum an den ausgemergelten Unglücksschuster Voigt erinnert, über den Wilhelm II. und halb Europa vor mehr als sechs Jahrzehnten lachten. Niemand diskutiert an diesem Tag in Köpenick über aktuelle politische Themen, kein Mensch spricht über die Rücktrittsgerüchte um Walter. Ulbricht Politik ist für den Berliner bei diesem Sommerfest uninteressant.

Eine Ausnahme macht allerdings Köpenicks Bürgermeister Stranz (SED), der den vermeintlichen Hauptmann und seine Musketiere vor dem historischen Rathauseingang empfängt und den Wäscherinnen, Fischern, Gendarmen und Droschkenkutschern in Kostümen der wilhelminischen Zeit die Parole zuruft: "Wir stehen auf der Seite der Sieger der Geschichte. Das wurde auf dem Welttreffen der kommunistischen und Arbeiterparteien in Moskau eindrucksvoll bestätigt. Trotzdem mahnt uns die Geschichte des Hauptmanns von Köpenick, nicht nachzulassen, um Militarismus und Imperialismus in Westdeutschland zu bändigen und unseren Staat des Friedens und Sozialismus zu stärken ..." Eine neue Groteske? Die Ostberliner überhören solche Pflichtlosungen.

Eine Woche lang spaziert man durch Köpenick, man findet Möglichkeiten der Unterhaltung und Entspannung. Es gibt mehr zu erleben als den schwerfälligen, amtlich lizenzierten SED-Humor, wenn man zum Beispiel beim Prominentenangeln zuschaut und sieht, daß ausgerechnet der SED-Kreisleiter, Genosse Seidel, den größten Barsch aus der Dahme fischt, oder wenn Bürgermeister Horst Stranz zum Trost für fehlendes Anglerglück sinnigerweise eine brennende Laterne erhält; Denn der Ortsgewaltige hat es gegenwärtig wahrlich schwer, sein Licht leuchten zu lassen. Scharfe Kritik aus dem Berliner Rathaus traf sich in diesen Sommerwochen mit zornigen Beschwerden aus dem Fußvolk der Partei.

Auf der Schloßinsel, in den gepflegten Gartenanlgen, sitze ich abends mit einer jungen, erzählfreudigen Funktionärin aus dem Köpenicker Rathaus beim Wein. "Unser Bürgermeister hat gerade eine große Säuberung abgeschlossen. Was denken Sie, wie wir jetzt gegen die Korruption vorgehen. Bei uns im Rathaus herrschten ja Zustände wie im zaristischen Rußland. Zwanzig Genossen wurden gefeuert, darunter die Leiterin des Wohnungsamtes, Genossin Mehlis. Sie hatte viele Wohnungen nach Gunst vergeben. Ihr Wohlwollen erwarben sich die ‚Kunden‘ durch unterschiedliche Gaben, vom besten Bohnenkaffee bis zu teuren Blumenarrangements, vom Morgenrock bis zum Perlonkleid. Und wissen Sie, wie sie entlarvt wurde? Jemand, der seit sieben Jahren auf eine Wohnung gewartet hatte, brachte die vielen Blumen im Dienstzimmer der Amtsleiterin mit der neuen Wohnung der Blumenhändlerin K. aus der Grünstraße in Verbindung, schrieb an den Staatsrat und deckte die Mißstände auf. Ulbrichts Kanzlei reagierte umgehend."

Tatsächlich haben Korruption und Unzuverlässigkeit im öffentlichen und privaten Bereich in letzter Zeit erschreckend zugenommen. Die Westzigarette als Kleingeld einer illegalen Währung ist jedem DDR-Bürger längst ein vertrauter Begriff. Selbst Walter Ulbricht griff auf dem letzten Kongreß der Nationalen Front scharf die Korruption im Dienstleistungsgewerbe an. Keine Autoreparatur ohne Bestechungszahlung an die jeweilige Werkstatt, wenn man nicht Wartezeiten von vier bis fünf Monaten in Kauf nehmen will; von unglaublich langen Wartezeiten bei Kunststopfereien und chemischen Reinigungen wissen die Menschen ein trauriges Lied zu singen; in den Wartezimmern der Polikliniken und beim stundenlangen Stehen an den Postschaltern der Großstädte – das Trinkgeld in Zigarettenwährung kann in der Regel die gewünschte Hilfe bringen.