Das Luftverkehrsunternehmen Atlantis AG, Stuttgart, hat an seine rund 6000 Aktionäre das erste Rundschreiben gesandt. Darin wird ein sehr rosiges Bild gezeichnet. Für 1969/70 (30. 9.) wird ein Umsatz von 60 Millionen Mark angekündigt, doppelt soviel wie 1968/69 erzielt worden ist. Über die Ertragsrechnung wird hingegen nichts, gesagt. Da aber dieser Punkt die Aktionäre am meisten interessieren wird, war Vorstandsmitglied Tilman J. Uhlig bereit, mir in einem Gespräch zusätzliche Erläuterungen zu geben.

Danach hat Atlantis in dem jetzt abgelaufenen Geschäftsjahr nicht nur die Anlaufkosten erwirtschaftet, sondern auch noch die regulären Abschreibungen auf die beiden Düsenmaschinen DC 8/63. Kostenpunkt für beide Maschinen: men 32 Millionen Mark gekostet haben. Der Abschluß wird in etwa ausgeglichen sein. Das ist ohne Zweifel ein erfreuliches Ergebnis.

Im neuen Geschäftsjahr wird die Ertragsrechnung problematischer werden. Im Januar bekommt Atlantis eine neue DC 9 für den Mittelstreckenbereich und im April 1970 eine neue DC 8/63. Kostenpunkt für beide Maschinen: rund 50 Millionen Mark.

Auf die neuen Maschinen erlaubt der Fiskus im ersten Jahr 30 Prozent Sonderabschreibungen. Das wären rund 15 Millionen, dazu kämen die laufenden Abschreibungen für die beiden alten Maschinen von rund 3 Millionen. Dieser Betrag wird mit dem besten Willen nicht zu verdienen sein. Dies um so weniger, als von dem gesamten Investitionsvolumen von etwa 82 Millionen Mark nur 12 Millionen aus Eigenkapital stammen, 72 Millionen also fremdfinanziert werden müssen. Uhlig nannte als Zinssatz für die Kredite rund 10 Prozent. Was wiederum – ohne Tilgung – 7,2 Millionen erfordern würde.

Es ist klar, daß Atlantis bei voller Ausnutzung der Abschreibungschancen in die roten Zahlen geraten muß. Auch das wäre kein Unglück. Denn eine junge Gesellschaft, zumal in einem risikoreichen Bereich tätig, sollte alles tun, um stille Reserven zu bilden.

Für die Aktionäre bedeutet das: Verzicht auf Dividende für die nächsten Jahre. Das wiederum macht jede weitere Kapitalerhöhung fraglich. Denn werden Kapitalgeber bereit sein, neues Geld zur Verfügung zu stellen, dessen Erträge dann erneut von Abschreibungen absorbiert werden müßten? Der Wert der Atlantis-Aktie kann dann nicht von der Rendite her gemessen werden,’ sondern er müßte sich an der mit stillen Reserven dick bestückten Substanz orientieren.

Es gibt keinen Zweifel, meine verehrten Leser: Die Atlantis-Aktionäre werden noch vor harte Fragen gestellt werden. Sie werden sich nämlich eines Tages zwischen der steuerfreien Reservenbildung (was betriebswirtschaftlich vernünftig und nach meiner Ansicht unbedingt notwendig wäre) und der Ausschüttung einer für die Gesellschaft steuerungünstigen Dividende entscheiden müssen. Ob das letztere den vielen Kleinaktionären (kein Aktionär besitzt mehr als 5 Prozent des Kapitals) zuzumuten ist, scheint zumindest fraglich zu sein. Deshalb wiederhole ich meine Meinung, wie ich sie schon im Bankgespräch Nr. 22 vom 30. Mai 1969 geäußert habe: Diese Aktie ist nichts für "kleine Leute".