Von Jürgen Claus

Man müßte, hieß es, "jetzt Institute für Entkulturisierung schaffen, eine Art nihilistische Gymnasien einrichten, in denen besonders kluge Lehrkräfte Entklausulierung und Entmystifizierung lehren, wodurch die Nation eine Gruppe solide ausgebildeter Neinsager erhielte, die ... den Protest am Leben hielte". Das ist ein Zitat aus Jean Dubuffets Kampfschrift "Asphyxiante Culture" (Erstickende Kultur), die im Mai 1968 in Paris erschien. Ihr Verfasser, Maler, Plastiker, Sprachschöpfer, Programmatiker einer art brut, ist der meistgenannte Mann in dem Sammelbuch

"Kunst ist Revolution oder Der Künstler in der Konsumgesellschaft", aus dem Französischen von Ursula Dreysse und Albrecht Keßler; Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 201 S., 16,80 DM.

Dubuffet proklamiert den Rückzug des Künstlers aus der Kultur. Den Rückzug aus – jeder sozialen Funktion. "Ich kenne nur ein Gesicht des Staates, das der Polizei. Alle Verwaltungseinrichtungen des Staates haben in meinen Augen dieses eine Gesicht, und ich kann mir das Ministerium für Kultur nicht anders vorstellen als Kultur-Polizei, mit seinem Präfekten und seinen Kommissaren." (Was an die Ironie erinnert, mit welcher in Robert Lapoujades Film "Le Socrate" der Philosoph dem Polizisten, der ihn nach dem möglichen Humanismus der Polizei befragt, antwortet: O ja, Humanismus, und gar einen Präfekten des Humanismus, eine Behörde des Humanismus.)

Dubuffets extrem formulierte Position bleibt nicht ohne Widerspruch. Ragon kontert in seinem Beitrag: Dubuffet zolle der Konsumgesellschaft ebenso ihren Tribut wie die, die in ihr "ihre Rolle auf sich nehmen". Er bleibe ein Privilegierter der "Kunstproduktion".

Dubuffet ist nur ein Beispiel dafür, daß man sich auch unter den neun Autoren des Buches (es sind: Jean Cassou, Museumsmann; Michel Ragon, Architekturkritiker; André Fermigier, Kunst- und Architekturkritiker; Gilbert Lascault, Literatur- und Kunstinterpret; Gerald Gassiot-Talabot, Kunstkritiker; Raymonde Moulin, Soziologin; Pierre Gaudibert, Museumsmann; René Micha, Filmhistoriker; Allain Jouffroy, Kunstschriftsteller) auf keine gemeinsame Argumentation einigen kann. Zwar haben alle im Mai 1968 ihre Positionen überprüft, kaum zwei kommen aber zu einer übereinstimmenden Antwort auf die Frage "Was tun mit der Kunst?" (Jouffroy).

Ich möchte drei Haltungen herauslösen. Sie werden von drei verschiedenen Autoren vertreten, sind mehr als Reflex auf den Mai 1968, sollen hier zusammen mit der aktuellen Diskussion über die gesellschaftliche Stellung von Kunst und Künstler skizziert und (kurz) überprüft werden.