Von Erwin Lausch

Warum eigentlich werden Ärzte nicht kontrolliert? Warum unterliegen nicht auch sie in ihrer Berufsausübung einer Aufsicht, wie das bei Angehörigen anderer Berufe, durch die Menschen möglicherweise gefährdet werden, der Fall ist? Flugzeugführer zum Beispiel müssen sich ständig sehr gründlich untersuchen lassen. Auch Autobus- und Taxifahrer werden überprüft. Jeder Milchladen wird daraufhin kontrolliert, ob die hygienischen Vorschriften eingehalten werden. Bei Ärzten aber ist das anders. Ein Arzt kann, wenn ihm einmal die Approbation erteilt worden ist, so lange praktizieren, wie er es für richtig hält.

Völlig zu Recht schrieb denn auch kürzlich das amerikanische Nachrichtenmagazin "Time": "Die Medizin ist das einzige Big Business, bei dem der Endverbraucher keinerlei Kontrolle darüber hat, was er kauft." In einer Titelgeschichte über "das traurige Los des US-Patienten" erläuterte das Blatt: "Der Arzt verschreibt das Medikament, für das der Patient wohl oder übel zahlen muß. Er sorgt für die Aufnahme in ein Krankenhaus, und der Patient hat selten die Möglichkeit zu wählen. Der Patient hat keine Möglichkeit zu beurteilen, ob er von seinem Hausarzt gut beraten wird, ob er von seinem freundlichen Apotheker gute Medikamente erhält, ob sein Chirurg gute Arbeit leistet."

Und weiter: "Für ihn gibt es keinen Ralph Nader (der junge amerikanische Rechtsanwalt Nader klagte den Automobilkonzern General Motors an, den Verdienst höher zu schätzen als die Sicherheit der Autofahrer), der bei zweifelhaften Praktiken Alarm schlägt. Es gibt keinen Schiedsmann, der seine Interessen vor einem unparteiischen Gericht vertritt. Der straff organisierte medizinische Berufsstand wehrt alle Angriffe von außen ab ..."

Aber das ist keineswegs ein spezifisch amerikanisches Problem. Und deswegen, haben jetzt einige deutsche Fachjournalisten die Frage nach Kontrollmöglichkeiten für ärztliche Leistungen aufgegriffen. Sie luden Gesundheitspolitiker, Ärzte, Funktionäre und Mediziner verschiedener Fachrichtungen zu einer Art Hearing unter dem Thema: "Kann und soll man Ärzte kontrollieren?" nach Bonn. Gekommen waren auch Bundesgesundheitsministerin Strobel. und der Präsident der Bundesärztekammer, Professor Dr. Ernst Fromm.

Dr. Hedda Heuser – sie ist Ärztin und Gesundheitsexpertin der FDP und arbeitet zugleich als Medizinjournalistin – gab dem Thema den aktuellen gesellschaftspolitischen Touch. Alle Berufe, die einen gewissen Autoritätsgehalt hätten, erklärte Frau Heuser, würden in den letzten Jahren intensiv in Frage gestellt, insbesondere bezüglich der "Macht", die man in solch einem Beruf habe. Frau Heuser attestierte den Ärzten eine "erhöhte Animosität" gegen Bestrebungen, die Autorität des Standes in Frage zu stellen.

Doch seien solche Bestrebungen berechtigt: "Diese (medizinischen) Berufe stehen, da sie unmittelbar mit dem Menschen zu tun haben, in einem ganz anderen Licht, erscheinen für alle Menschen viel wichtiger. Und deswegen sind die Fragen drängender, und wir müssen uns auch diese Fragen gefallen lassen." Sich Fragen gefallen zu lassen, waren die ärztlichen Standesvertreter zwar bereit. Doch war deutlich ein – offenbar reflexartig einsetzendes – Bemühen zu spüren, die Reihen fest zu schließen.