Besonders seit er verlobt war, träumte er davon, eine wissenschaftliche Entdeckung zu machen, die ihm den Weg nach oben frei mache. "Mehr als einen solchen glücklichen Wurf brauchen wir nicht, um an unsere Hauseinrichtung denken zu können", schrieb der Siebenundzwanzigjährige seiner Verlobten nach Wandsbek, fügte allerdings warnend hinzu: "Setz Dir, Weibchen, aber nicht zu fest in den Kopf, daß es diesmal gelingen muß."

"Diesmal" hieß, daß er Versuche mit einem bis dahin ziemlich unbekannten Stoff machen wollte: "Ich lese vom Cocain, dem wirksamen Bestandteil der Cocablätter, welche manche Indianerstämme kauen, um sich kräftig für Entbehrungen und Strapazen zu machen. Ein Deutscher hat nun dieses Mittel bei Soldaten versucht und wirklich angegeben, daß es wunderbar kräftig und leistungsfähig mache."

Noch eine andere Wirkung wollte er überprüfen: Er hatte gelesen, daß man Morphinisten von ihrer Sucht heilen könne, wenn man ihnen Kokain gebe. Er hatte einen befreundeten Kollegen, der wegen ständiger Nervenschmerzen immer stärkere Dosen von Morphium nahm und zugleich verzweifelt bemüht war, sich von seinem Morphinismus zu befreien.

Zunächst probierte er das Kokain, von dem er sich ein Gramm gekauft hatte, an sich selber aus. Er nahm ein Zwanzigstelgramm und sah sich sogleich in fröhlicher Laune, in einem Zustand "der Behaglichkeit, wie nach einem guten Diner, wenn man an gar nichts, aber gar nichts zu denken braucht", ohne daß ihm seine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit etwa beeinträchtigt zu sein schien. Im Gegenteil. Da er seit Jahren an periodischen Depressionen litt und manchmal unter Müdigkeit und Apathie, hielt er das anregende und – wie ihm schien – leistungssteigernde Kokain von Anfang an für ein "Zaubermittel". Er schickte auch seiner Verlobten davon, "um sie stark und kräftig zu machen", er gab es seinen Schwestern und empfahl es Freunden und Kollegen.

Schon bald konnte er die Koka nicht genug loben – "diese göttliche Pflanze, welche den Hungrigen sättigt, den Schwachen stärkt und sie ihr Mißgeschick vergessen macht". In einem Aufsatz beschrieb er die Wirkungen des Kokains auf Hunger, Schlaf und Ermüdung: "Man fühlt eine Zunahme der Selbstbeherrschung, fühlt sich lebenskräftiger und arbeitsfähiger .. langanhaltende, intensive geistige oder Muskelarbeit wird ohne Mühe verrichtet..."

Auch eine Zunahme der sexuellen Potenz spürte er, und seiner Verlobten, die ihm geschrieben hatte, daß sie nicht gut aussehe und keinen Appetit habe, antwortete er: "Wehe, Prinzeßchen, wenn ich komme. Ich küsse Dich ganz rot und füttere Dich ganz dick, und wenn Du unartig bist, wirst Du sehen, wer stärker ist, ein kleines sanftes Mädchen, das nicht ißt, oder ein großer wilder Mann, der Kokain im Leib hat. In meiner letzten schweren Verstimmung habe ich wieder Koka genommen und mich mit einer Kleinigkeit wunderbar auf die Höhe gehoben."

In seinem Aufsatz bezeichnete er es als "bemerkenswert", daß "nach der ersten oder wiederholten Kokainnahme durchaus kein Verlangen nach weiterem Kokagebrauch eintritt, vielmehr eher eine gewisse nicht motivierte Abneigung gegen das Mittel". Bei seinem Freund jedoch, dem Morphinisten, war das anders. Der Freund verlangte immer höhere Dosen, er nahm schließlich das Hundertfache von dem, was er selber brauchte, und zwar täglich, und es führte bei ihm zu chronischer Vergiftung und zu Delirium tremens, indem er weiße Schlangen über sich kriechen sah.