In der Hamburgischen Staatsoper inszenierte Harry Meyen Rossinis "Barbier von Sevilla" als Spiel im Spiel: ein italienisches Schmierentheater, in dem freilich treffend gesungen und vorzüglich agiert wurde. Statisten simulierten Publikum auf der Bühne und flanierten während der Pause, halb schockiert, halb amüsiert durch "Demonstranten", deren Plakate verkündeten: "Wir wollen ‚Hair‘ sehen" – "1 like Boulez" – "Die Oper ist tot".

Die Hamburgische Staatsoper war wieder einmal sehr lebendig. Das Orchester musizierte in bunten Sporthemden herrlich gelöst – was freilich auch das Verdienst des Dirigenten Marek Janowski gewesen sein dürfte, obwohl der als einziger im obligatorischen Trade auftrat.

Im Ensemble gab es keine Fünftausend-Dollar-Stars – und keine Versager. Die höchsten Verdienste erwarben sich für mein Ohr die tiefsten Stimmen: Hans Sotin als Basilio vor allem und Noel Mangin als Bartolo.

Meyen, bisher bekannt nur als Inszenator von Boulevardtheater (aber gerade da muß ja einer sein Handwerk verstehen), führte seine singenden Schauspieler mit bestechender Präzision. Sein Einfallsreichtum schien unerschöpflich, was dieser Oper besonders dort guttat, wo (wie vor allem im Finale) der Komponist offensichtlich keine Lust oder keine Zeit mehr gehabt hatte. Es wurde etwas bedenklich dort, wo es schon bei Rossini Gags genug gibt. Die Rasierszene etwa wirkte überzogen, hart am Rand der Klamotte. Solche Ausrutscher mögen das Buh erklären, das dem Regisseur am Ende lautstark entgegentönte.

Es wurde übertönt von verdientem Beifall. Für einen Neuling auf der Opernbühne war das eine sehr vielversprechende Inszenierung, Und wenn man auch mit einigem Bangen hört, daß sich Harry Meyen als nächstes ausgerechnet den "Tannhäuser" vorgenommen hat, so ist es doch dem Hamburger Intendanten Rolf Liebermann zu danken, daß er wieder einmal ein Experiment riskiert hat – diesmal ein gelungenes. Die Oper hat einen Regisseur gewonnen, von dem man noch hören wird. Leo