Von Joachim Schwelien

Washington, im Oktober

Die Schonfrist, die Amerika dem neuen Präsidenten Richard Nixon seit seinem Amtsantritt im Januar gewährt hat, ist zu Ende. An den Colleges und Universitäten, auf den Plätzen der Großstädte, in Kirchen und Versammlungshallen protestieren Studenten und Pazifisten wieder gegen die Fortsetzung des Krieges. Sie halten Gebetswache, veranstalten Sit-ins oder organisieren geräuschvolle Umzüge, bei denen Särge als Symbol eines sinnlosen Sterbens umhergetragen werden und die Autos mit aufgewendeten Lichtern fahren, wie das in Amerika sonst bei Beisetzungen üblich ist.

In all diesen Kundgebungen klingt die Forderung auf, die amerikanischen Truppen sollten aus Vietnam möglichst sofort oder doch mindestens in einer bestimmten Frist – etwa: bis Ende nächsten Jahres – abgezogen werden. Nixon wird beschuldigt, im Grunde nur die Kriegspolitik seines Vorgängers Lyndon Johnson fortzusetzen. Sie aber könne weder auf dem Schlachtfeld noch am Verhandlungstisch zu einer Beendigung des Konfliktes führen.

Diese Proteste sind mehr als bloß ein Ausdruck der Antikriegsstimmung einer kleinen und fanatischen Minderheit von aufgebrachten langhaarigen Studenten oder Wehrdienstgegnern. Sie werden von einer sehr breiten Strömung im amerikanischen Volk getragen, die längst über die manchmal professionell wirkenden Kreise der Vietnamprotestler hinausgegriffen hat. Ohne Übertreibung läßt sich sagen, daß die Mehrheit der Amerikaner den Krieg und auch die abgenutzten Verheißungen, wie er mit ein wenig zusätzlichem Durchhaltevermögen doch noch erfolgreich abgeschlossen werden könne, gründlich satt hat.

Früher hatten die ernst zu nehmenden Kriegsgegner durchaus die Formel anerkannt, der Konflikt solle mit einer für Amerika ehrenvollen Lösung beendet werden. Darunter wurde die Sicherung Südvietnams gegen ein Abwürgen durch die Kommunisten verstanden. Heute ist es den meisten Kritikern des Kriegskurses schon gleichgültig, was nach einem amerikanischen Abzug aus Südvietnam wird. Beendet den Krieg um jeden Preis und so schnell wie möglich! Das ist die Parole von Millionen frustrierter Amerikaner.

Im Kongreß, der meistens auf Stimmungsumschwünge im amerikanischen Volk etwas verspätet reagiert, ist die Haltung schwankend. Viele Abgeordnete und Senatoren beider Parteien halten das von Nixon eingeleitete schrittweise Disengagement für richtig und plädieren dafür, die Wirkung dieses Vorgehens abzuwarten. Auch einige "ältere Staatsmänner", wie Dean Acheson oder der frühere Vizepräsident und Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Hubert Humphrey, haben dem Präsidenten unter die Arme gegriffen und die Amerikaner aufgefordert, mehr Geduld zu zeigen und den Mann im Weißen Haus zu unterstützen, statt ihm in den Rücken zu fallen.