Hamburgs Stadion im Volkspark wurde für den 22. Oktoberabend dieses Jahres zum Mekka deutschen Fußballglaubens. 72 000 waren Schulter an Schulter in den lichtüberfluteten Zementkloß gedrängt dabei. Das arrogante Gerede, welches das Publikum zum "Stimmvieh" für die Aktiven und zur bloßen Kulisse direkten Fernsehens degradiert, verstummte vor dieser begeisterten, stimmgewaltigen Masse. Der Park gehörte dem Fußballvolk. Die Weltmeisterschaft 1970 stand auf dem Spiel. Wer siegte, nahm teil, wer verlor, nur Anteil.

72 000 von, wie man schätzt, 300 000 ernsthaften Interessenten haben sich als Augen- und Ohrenzeugen qualifizieren können. Sie legitimiert 7 mal 17 Zentimeter bunt bedrucktes Papier, am Ort der Entscheidung zuzuschauen, aufzustöhnen, mitzujubeln. Sie haben das verbürgte Anrecht auf einige Quadratdezimeter Stehfläche, einen halben Bankmeter, den Ellenbogen des Nachbars in der Seite und seine Pfiffe im Ohr mit Geld oder Ausdauer erstanden. 72 000 sind Sieger in einer erbitterten Schlacht um die Karten, mit der die Geschichte dieses Spiels anfängt.

Die Hatz nach den Karten begann mit der Vergabe des entscheidenden Spieles nach Hamburg. Bereits im Frühjahr konnte der DFB die Flut der Bestellungen kaum dämmen. Kritik am Verteilungsschlüssel der Karten wurde laut. Am

Spielort wären die Karten schon im Sommer derart knapp, daß Hamburger über Mittelsmänner Karten in Niederbayern oder Oberfranken oder sonstwo, wo die Nachfrage anfangs noch mäßig war, bestellten und zu regulären Preisen erhielten. Man wußte sogar von Geschäftsleuten zu berichten, die die Notwendigkeit einer Geschäftsreise nach Schottland provoziert und sich dort reichlich mit Karten eingedeckt hätten.

Ein erster Höhepunkt war jene lange Septembernacht, in der Tausende das begehrte Papier vor Hamburgs 85 Vorverkaufsstellen erstanden, oder bei Skat und Bier ersaßen. Jene Nacht, in der nur der Spott über jene, die um drei oder vier Uhr früh zu spät kamen, die lange Weile vertrieb und das Bier nicht recht wärmte.

Erst als das Spiel offiziell ausverkauft war, als das Fußballfieber grassierte und eine Torschußpanik auszubrechen drohte, begann für andere Wirtschaftszweige das Geschäft. Der Schwarzmarkt war schwärzer als sonst, teurer und frecher. Blanke Ironie, daß ausgerechnet das Schottenspiel so unverschämt teuer wurde. Vier- bis sechsfache Preise waren für Stehplatzkarten, das Sein oder Nichtdabeisein, die "anständige" Regel. Unanständig hoch waren die illegalen Preise für zusammenhängende Tribünenkarten. Wer die wollte, der sollte und konnte zahlen. Die große Nachfrage stimulierte die Preise, ungeschorene Bürger legten sich orientalische Teppichhändlermanieren zu. Das Geschäft mit der Leidenschaft einiger Mitmenschen war abgekartet, der Wucher zog seine Kreise.

Das Länderspiel rückte näher, die Preise immer höher, Hektik kam in’s Geschäft. Die Annoncenspalte "Verschiedenes" einer Hamburger Abendzeitung wurde einsilbig, ja konnte nicht einmal alle Kartenangebote fassen. Der Schwarzmarkt schlug seine Unkosten auf die Preise. Bis auf achtfache Preise für Stehplätze (6,60×8 = 54,80 Mark) und vierfache Preise für Tribünenplätze (30×4 = 120 Mark) kletterte der Kartenboom, Kontingente bis zu 50 Stück wurden über Anzeigen feilgehalten.