Von Marion Gräfin Dönhoff

Fünfzig Jahre deutscher Geschichte sind vergangen, seit Sozialdemokraten gleichzeitig an der Spitze des Staates und der Regierung standen. Das war 1919/20, als Friedrich Ebert und Gustav Bauer die Geschicke der eben neu gegründeten Republik in die Hand nahmen. Erst jetzt – nach einem halben Jahrhundert – werden wieder beide, Präsident und Kanzler, von der SPD gestellt. Für viele in unserem Lande ist das ein beunruhigendes Gefühl, für manche sogar ein Schrecken.

Daß CDU/CSU angesichts der harten Oppositionsbänke, auf denen sie nun Platz nehmen müssen, ein wenig besorgt um die Zukunft ihrer Partei sind – vielleicht aus ihrer Sicht auch um das Schicksal des Vaterlandes –, das muß man wohl verstehen. Die Union muß erst lernen, daß der Wechsel zum Wesen der Demokratie gehört.

Wer in diesen Tagen im Palais Schaumburg war, in dieser reichsunmittelbar oder auch fürstbischöflich wirkenden Residenz, wer in den prachtvoll gehaltenen, herbstlichen Park mit den alten Bäumen und großen Rasenflächen blickte, der kann wohl verstehen, wie hart die Union dieser Wechsel ankommt. Noch können diejenigen, die hier während fünf Legislaturperioden residierten und regierten und die es mithin als eine ganz natürliche Ordnung empfanden, daß die Opposition in der "Baracke" saß, nicht recht begreifen, daß nun plötzlich deren Insassen das Palais beziehen werden.

Fünf Legislaturperioden, die gesamte Lebensdauer der Bundesrepublik – das ist längst eine Epoche und kein Provisorium mehr. Da haben sich denn Vorstellungen und Maximen gebildet, die scheinbar ewige Gültigkeit beanspruchen – wie eben beispielsweise jene Rollenverteilung: die Bürgerlichen im Palais Schaumburg, die "Proletarier" in der Baracke. Bei den Angelsachsen ist das Alternieren der Parteien ganz selbstverständlich. Wir müssen dies erst lernen – die Deutschen haben es eben aus historischen Gründen in mancher Beziehung schwerer. Dies gilt auch für ihr Bild vom neuen Kanzler.

Als deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg Frankreich erobert hatten, verließ General de Gaulle sein Land, um den Kampf für die Befreiung Frankreichs von England aus weiterzuführen. Auch Paul Henri Spaak emigrierte, als seine belgische Heimat von der Wehrmacht besetzt wurde, und die holländische Königin verließ mitsamt ihrer Regierung die Niederlande und begab sich nach London.

Für sie alle und für viele Norweger, Dänen, Österreicher war diese Entscheidung ebenso selbstverständlich wie auch der Entschluß, nach Kriegsende wieder in ihre vom Feind befreiten Länder zurückzukehren. Für Deutsche aber, die als Emigranten in die Fremde gegangen waren, war die Rückkehr gar nicht so selbstverständlich. Denn für Deutsche, die ja nicht den populären Ruhm in Anspruch nehmen konnten, als Freiheitshelden gegen eine fremde Besatzung aufgestanden zu sein, war Emigration wie auch Widerstand im eigenen Lande eine weit vielschichtigere, kompliziertere Angelegenheit als für die von Hitler Überfallenen Nachbarn.