Von Christel Buschmann

Seit März 1968 veranstaltet das Dritte Programm des Norddeutschen Rundfunks und des Senders Freies Berlin eine im Abstand von vierzehn Tagen laufende Sendefolge unter dem Motto: "Autoren als Disc-Jockeys". Es hat sich in Rundfunkanstalten zwar eingebürgert, daß Disc-Jockeys entweder die letzten Hits und Titel bringen oder aber keine sind, doch in diesem Fall hat man die Autoren offenbar aufgefordert, ihre Plattenschränke zu öffnen, ihre Lieblingsplatten herauszunehmen und Disc-Jockey zu sein. Eine Studio-Ansage lautet etwa jeweils folgendermaßen: "Im Dritten Programm ... präsentiert sich nun wieder ein Autor als Disc-Jockey, hören Sie Helmut Heißenbüttel und einige seiner Lieblingsplatten..."

Und man wittert um so mehr die günstige Gelegenheit, dem aus seinem Spezialgebiet herausgelockten Autor auf die Schliche zu kommen.

Außer Heißenbüttel "präsentierten" sich bisher: Peter Handke, Jürgen Becker, Bazon Brock, Peter Bichsel, Gabriele Wohmann, Reinhard Lettau, Siegfried Lenz, Hermann Peter Piwitt, Felix Rexhausen, Hans Christoph Buch, Uwe Herms, Bernhard Höke, Reinhard Baumgart, Heinz von Cramer, Peter Rühmkorf, Gerhard Rühm, Ivan Vyskočil, Uwe Brandner und Martin Sperr.

Sie alle sind für John Peel vom Radio-One-Programm der BBC, der 1968 von den Lesern der Pop-Zeitung Melody Maker zum Disc-Jockey des Jahres gewählt wurde, keine Konkurrenz, weil sie zu selten die neuesten Titel und zu oft die alten als die neuesten bringen. Aber sie entscheiden sich fast alle für Beat und Pop, wenn sie die als ihre Lieblingsmusik ausgegebenen Platten vielleicht auch um keinen Preis mit auf die vielzitierte einsame Insel nehmen würden. Nur einige wenige wenden sich ausschließlich anderen Bereichen zu, wie Martin Sperr dem Chanson oder Rühmkorf dem Jazz. Die Beatles (besonders mit "All You Neid is Love") und die Rolling Stones allen voran, Donovan und Bob Dylan feiern Triumphe, aber auch die Mothers of Invention, Jimi Hendrix, die Ten Years After die Family und die Fuggs werden geliebt, wenngleich nicht so intensiv wie der easy-listening garantierende Schnulzen-Beat.

Einiges mag diese Begeisterung für Pop und Beat beflügeln. Von jeher war der Hang zur Avantgarde groß und das Jungsein vor allem auch ein demonstrativer Akt. Wer heute modern sein will, hat sich einfach für Pop und Beat zu interessieren. Ein Schuß Subkultur ist sehr gefragt und ein attraktives Image die halbe Ladenmiete. Attraktiv ist man als Autor heutzutage mit Sicherheit, wenn man sich bewußt oder unbewußt umgibt mit modischen Accessoires aus dem Reich der Subkultur (auch Berlin wirbt bereits Kunden mit Gammleridyllik): Subkultur als Markenartikel und Kassenschlager. Die Integration von Subkultur in die kulturelle Privatproduktion (ein Vorwurf, der vor allem Peter Handke gemacht wurde) hat lange ihren Lauf genommen, und auch die folgenden harten Worte eines linken Publikationsorgans haben keinen Seltenheitswert mehr: "Scheißt den antiquierten Avantgardisten in ihren permanenten Modernismus."

Aber nicht nur dieser Image-Zwang, dem viele aufsitzen, ist ein Grund, sich der Pop-Musik zu verschreiben.