Es ist noch gar nicht so lange her, daß Lord Thomson, der Zeitungszar, Rundfunkmogul und damals Hauptaktionär der privaten Fernsehgesellschaft Scottish Television, den Kalauer prägte, den er sicher inzwischen oft bedauert hat: "Die Lizenz für den Betrieb einer Kontraktgesellschaft ist eine Lizenz, Geld zu drucken." In Großbritannien hat man das kommerzielle Fernsehen, vor allem die Kontraktgesellschaft, die – von der Independent Television Authority beauftragt und ausgewählt – in ihren Regionen die kommerziellen Programme organisieren, produzieren und die Inseratenzeit für Werbespots verkaufen, als den "Caviar Belt", den Kaviarstreifen der britischen Wirtschaft bezeichnet.

Das Risiko der Kontraktgesellschaften des britischen kommerziellen Fernsehens schien in der Tat zumindest bis 1964 denkbar klein, die Profitchancen denkbar groß; die Bruttoeinnahmen aus der Werbung betrugen in dieser Zeit zwischen 80 und 100 Millionen Pfund pro Jahr – damals noch 900 Millionen bis 1,1 Milliarden Mark. Nach Abzug aller Kosten konnten die Kontraktgesellschaften – es waren damals 12 und es sind heute 15 – goldene Dividenden ausschütten, und die Gebühren, die man an die Independent Television Authority als Miete und Lizenzgeld zu zahlen hatte, waren verhältnismäßig gering. Im Gesamtumsatz spielten sie kaum eine Rolle.

Die "Götterdämmerung" der "Kaviar-Epoche" begann 1964, als die Regierung – damals die Konservativen – dem Druck der öffentlichen Meinung folgend eine Sondersteuer für das kommerzielle Fernsehen einführte; und zwar keineswegs nur auf Druck jener Zeitungen, die bei der Vergabe der Fernsehlizenzen zu kurz gekommen waren. Die Begründung für diese Abgabe war einfach und einleuchtend genug. Sie stützt sich auf die Tatsache, daß die Kontraktoren für das gewinnträchtige Recht, Inseratengelder zu kassieren, zu bezahlen haben.

Die Sondersteuer war und ist gestaffelt. Sie richtet sich nach den Netto-Einnahmen aus der Werbung. 1964 waren noch die ersten anderthalb Millionen Pfund – 16,8 Millionen Mark – sondersteuerfrei; wenn die Einnahmen 6 Millionen Pfund – 67 Millionen Mark – betrugen, mußten 25 Prozent Sondersteuer entrichtet werden und darüber 45 Prozent. Selbst bei dieser Steuer-Staffel, die dem Staat etwa 26 Millionen Pfund pro Jahr einbrachte, war es den Kontraktgesellschaften immer noch möglich, sehr große Profite zu machen. Vielleicht konnte man nun nicht mehr vom "Kaviarstreifen", aber immerhin noch von einem "Roastbeefstreifen" sprechen. Das zweite Gewitter zog im März vorigen Jahres auf. Es war, obwohl es eigentlich aus der Programmecke kam, weitaus dramatischer, und, was die Kontraktgesellschaft anging, weitaus gefährlicher. In jenem Jahr liefen, übrigens zum zweitenmal, die Lizenzen ab, und sie mußten erneuert werden. Der oberste Chef, der Chairman der Independent Television Authority, war zu dieser Zeit Lord Hill, einst "Radio-Doktor" des BBC-Rundfunks, später Postmaster General, Informationschef in den konservativen Regierungen Churchill und MacMillan, gewiegter Parlamentarier und Taktiker, ungeheuer ehrgeizig und begabt, rücksichtslos und mit allen Wassern gewaschen. Es ist paradox, daß dieser verdiente konservative Politiker ausgerechnet von dem Premierminister der Labour-Regierung, Harold Wilson, zum obersten Chef der öffentlichen Anstalt, nämlich der BBC ernannt wurde.

Dem Lord gefiel nicht, was er sah. Er stimmte offenbar mit der Presse überein, daß ein großer Teil der Impresarios und Manager der Kontraktgesellschaften zuviel an ihre Aktionäre und an Profite gedacht hatten und zuwenig an die Programmbildung und an die Aufgaben der Information, Aufklärung, Belehrung, die sie bei der Organisation des kommerziellen Fernsehens 1954 ausdrücklich übernommen hatten.

Er beschloß, die Arroganz der Inseratenbarone zu brechen und ihnen zu beweisen, daß sie nicht für alle Ewigkeit ohne Rücksicht auf ihre Verpflichtungen regieren könnten. Er entzog einigen Kontraktgesellschaften die Konzessionen und gab sie neuen Gruppen, wie z. B. London Weekend Television, Yorkshire Television, Harlech Television und Thames Television. Alte Kontraktgesellschaften verschwanden oder wurden zusam- – mengelegt. Lord Thomson wurde gezwungen,–einen – wenn auch geringen – Teil seines Aktienbesitzes zu veräußern, so daß er nur noch einen Minderheiten-Anteil an Scottish Television hatte. Da er vorher knapp über der 50-Prozent-Grenze lag, die er jetzt weisungsgemäß zu unterschreiten hatte, mußte er nur einige Prozent zu einem unbekannten, sicher aber lukrativen Preis verkaufen.

Die Revolution begann am 30. Juli, aber die neuen Lizenznehmer waren insofern gehandikapt, als ein langer, kostspieliger Streik der Techniker gerade um diese Zeit das kommerzielle Television Network lahmlegte. Ebenso wurde etwa zum gleichen Zeitpunkt ein neues Bewertungssystem der Zuschauerfrequenz eingeführt, TAM-Television Audience Measurement – verlor seinen Vertrag, und eine neue Gruppe, JICTAR, erhielt den Job. JICTAR arbeitete nach anderen statistischen Prinzipien, so daß zur allgemeinen Überraschung plötzlich die Programme der BBC in den Zuschauerbefragungen häufiger auftauchten als bisher. Der Zuschaueranteil der BBC stieg selbst in diesen von den kommerziellen Kontraktgesellschaften bezahlten Befragungen auf 61 Prozent.