Bonn

Wenn sich im Sommer nächsten Jahres erfüllt, was Bonner Richter Mitte Oktober beschlossen, wird die Bundeshauptstadt einen der peinlichsten Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte erleben. Auf der Anklagebank wird ein israelischer Staatsbürger sitzen, dessen Familie in Auschwitz ermordet wurde: Professor Dr. Hans Deutsch, international bekannter Rechtsanwalt, Verleger, Kunstmäzen und nicht zuletzt Wiedergutmachungsexperte. Im Zeugenstand aber werden ehemals hochdekorierte SS-Offiziere stehen, die als Zeugen der Anklage Deutsche überführen sollen, die Bundesrepublik um 17,6 Millionen Mark Wiedergutmachungsgelder betrogen zu haben.

Fünf Jahre ist es her, als Deutsch auf den Stufen des Bonner Finanzministeriums verhaftet wurde. Vor drei Jahren wurde Deutsch gegen eine Kaution von zwei Millionen Mark von der U-Haft verschont, nachdem zunächst zwölf, dann acht Millionen Mark Kaution gefordert wurden. Und drei Jahre benötigte die Dritte Große Strafkammer des Bonner Landgerichts, ehe sie Deutsch verdächtig genug fand, das Hauptverfahren gegen ihn zu eröffnen.

35 Millionen Mark waren Deutsch bereits bewilligt worden, die er im Namen seiner Mandanten, der Erben des ungarischen Zuckerbarons Ferenz Hatvany, für den Verlust einer wertvollen Gemäldesammlung französischer Impressionisten verlangt hatte. Die Sammlung wurde angeblich im Spätherbst 1944 von der SS aus dem Hatvany-Palais in Budapest requiriert und nach München verschleppt. 17,6 Millionen Mark hatte die Bonner Finanzkasse ausgezahlt, als Deutsch verhaftet wurde.

Mit Deutsch geraten drei weitere in die Affäre verwickelte Beschuldigte auf die Anklagebank, denen die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum Betrug, Meineid und wissentlich falsche eidesstattliche Erklärungen vorwirft:

  • der 56jährige Dr. Andreas von Nagy, Ehemann der Hatvany-Tochter Alexandra, Rittmeister a. D., Großwildjäger und Farmer mit Besitzungen am Fuße des Kilimandscharo in Tansania,
  • der 61jährige Friedrich Wilcke, Ex-SS-Hauptsturmführer, später Hosenfabrikant, heute Handelsvertreter in Frankfurt und
  • der 40jährige Frankfurter Franz Visney, in Ungarn geborener Kaufmann, Freund des Hatvany-Schwiegersohns Nagy.

Baron Hatvany, dessen berühmte Sammlung Gegenstand des Prozesses ist, lebte nach seiner Flucht aus Ungarn in der Schweiz, erst Mitte der fünfziger Jahre brachte ihn ein Landsmann, Baron Tibor Collas, Anwalt in Süddeutschland, auf den Gedanken einer Wiedergutmachung. Collas, der im Ruf stand, mit den Nazis kollaboriert zu haben, schlug dem Baron vor, er werde sich für eine Entschädigung der Hatvanyschen Gemälde einsetzen und präsentierte dem verdutzten Baron auch gleich die Zeugen, die den Kunstraub der Nazis belegen sollten. Hatvany ging nur zögernd auf den Plan ein.