Hartmut Kaelble: "Industrielle Interessenpolitik der Wilhelminischen Gesellschaft. Centralverband Deutscher Industrieller 1895–1914"; Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin beim Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Band 27, Berlin, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1967; 268 S., 38,– DM.

Ebenso wie der Historiker Puhle (siehe nebenstehende Rezension) hat sich auch Hartmut Kaelble einer wirtschaftlichen, pressure group der Kaiserzeit zugewandt. Seine Studie über den mächtigsten Interessenverband vor 1918, den "Centraiverband Deutscher Industrieller", will dreierlei transparent machen: die Organisation des Verbandes, die ideologischen Unterschiede der einzelnen Führungsgruppen und den sozialen Standort im Verhältnis zu Parteien und Verbänden, insbesondere zu dem langjährigen Bündnispartner, dem preußischen Junkertum (eine Ehe, die Bismarck 1879 zustande gebracht hatte).

Das sind gewiß wichtige Fragen, um so mehr, als der Verfasser keine "Verbandsgeschichte" alten Stils schreiben will, sondern dem "Trend zur interdisziplinären Forschungsanregung" folgen, also Politologie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften als Hilfswissenschaften einbeziehen möchte. Zwischen Absicht und konkretem Ergebnis der Arbeit klafft indes eine Lücke, die man nicht nur der methodologischen Unsicherheit der deutschen Geschichtswissenschaft anlasten kann. An diesem Mißverhältnis ist viel mehr die unreflektierte Beziehung des Autors zu seinem Gegenstand schuld. Kaeble stützt sich einseitig auf die (ohnehin kargen) Verbandsmaterialien.

Folgendes Bild wird dem Leser dargeboten: Seit der Jahrhundertwende polarisierten sich die industriellen Führungsgruppen im Centraiverband; nicht mehr allein die schwerindustriellen Hochschutzzöllner aus Westfalen, dem Saarrevier und aus Schlesien und die süddeutschen Baumwollspinner bestimmten das politische und soziale Selbstverständnis der Großindustrie, sondern immer stärker die aufsteigende Schicht der Maschinen- und Textilindustriellen aus Süddeutschland und Sachsen, die sogenannten Liberalen. Diese Gruppe, deren Mitglieder als "mittelbetriebliche Industrielle" charakterisiert werden, sollen die restaurativen Ideologien der Syndikatsherren (Kirdorf vom Kohlensyndikat, Röchling und Stumm vom Stahlwerksverband), der Krupps (die bis 1918 mit kurzer Unterbrechung den Direktoriumsvorsitzenden stellten) und der agrarischen Industriellen (Zucker und Landmaschinen) je länger, je mehr korrigiert haben. An Stelle der Zusammenarbeit mit den preußischen Junkern sei eine Hinwendung zu den liberalen Parteien und deren Interessenverbänden zu verzeichnen, also zu Bassermann, Stresemann und liberalen Bankiers wie Jakob Rießer.

Aus dieser Differenzierung leitet nun Kaelble seine These ab: Das alte Bündnis von Großindustrie und Junkertum, die soziale Grundlage des wilhelminischen Deutschlands, wurde allmählich in seiner Durchschlagskraft geschwächt und ist endgültig 1913 politisch bedeutungslos geworden. Hans Herzfeld hat dann auch, fasziniert von dieser griffigen These, nicht gezögert, über die eher vorsichtigen Interpretationsversuche Kaelbles hinaus – die sich wie ein Eiertanz um eine nicht ganz geheure Sache lesen –, von einer liberalen Wendung der Großindustrie zu sprechen, und hat dabei auch gebührend die ausgezeichnete Methodik der Arbeit gelobt.

Das Gegenteil ist richtig. Weder ist die plane Polarisierungsthese mit der daraus abgeleiteten politischen Einordnung – hier "Liberale", hier "Konservative" – in sich stimmig noch die unterstellte Neuverteilung der Macht in der Verbandsspitze: Bis 1918 bestimmten die Schwerindustriellen im Direktorium des Centralverbandes die Verbandspolitik.

Ein Indiz für die sachliche Unsicherheit des Autors mag schon die Tatsache sein, daß Puhle in seiner Arbeit über die deutschen Agrarier, die zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen kommt, seine These auch auf einen frühen Hinweis Kaelbles stützt, demzufolge die agrarische Strömung im Industrieverband immer stärker geworden sei. Bei Kaelble indes (in der gereinigten Endfassung, so muß man unterstellen) liest es sich anders: Jetzt sind es die sogenannten Liberalen, die sich durchgesetzt haben.