Und das Bündnis mit den Junkern? Es blieb nicht nur bestehen, sondern es verfestigte sich sogar noch im Zeichen der drohenden Liberalisierung von Staat und Gesellschaft seit den Reichstagswahlen von 1912, die den Sozialdemokraten die meisten Sitze eingebracht hatten. Kaelble sieht diese Entwicklung überhaupt nicht; sie wird ohne Beweisgründe einfach geleugnet. Anders klingt das Urteil Walther Rathenaus, der im Kriege notierte: "Die Schwerindustrie assimiliert sich mehr und mehr dem Junkertum unter Abzug der Formen und des Aussehens. Ginge der Krieg heute zu Ende, so wäre noch immer die blühende Reaktion zu erwarten."

Es überrascht nicht, daß die Fehleinschätzungen Kaelbles dann auch für die Beziehungen zwischen Industrie und den bürgerlichen Parteien, den imperialistischen und antisozial istischen Agitationsverbänden und der Presse gleichermaßen gelten.

Die Imperialismus-Forschung schließlich wird durch die hier vorgetragenen Ergebnisse schwerlich bereichert: was soll man davon halten, wenn die Äußerung des langjährigen Kruppdirektors Roetger – "Deutsches Wesen ist Vorwärtsstreben im frischen, fröhlichen Kampf um den Platz an der Sonne – Aber auch das ist deutsches Wesen, daß man in diesem Kampf leicht rücksichtslos und... rechthaberisch wird" – wie folgt kommentiert wird: "Der Kampf Deutschlands um den ‚Platz an der Sonne‘ war... für den CVDI kein Ideal." Man mag das Naivität nennen, es liegt indes näher, ein gespaltenes Verhältnis des Autors zu seinem Gegenstand zu unterstellen: apologetische Verklärung erschien angemessener als kritische Analyse.

Was als Gewinn der Studie bleibt, sind Aufschlüsse über Verbandsstruktur, Mitgliedergremien und Organisationsgeschichte. Damit leistet Kaelble, wenn auch wider Willen, gerade einen Beitrag zur "Verbandsgeschichte" alten Stils, deren ordinärem Sog der Verfasser mit soviel ideologischer Verve zu entfliehen gehofft hatte. Die Geschichte des Centralverbandes Deutscher Industrieller in der wilhelminischen Gesellschaft indes muß noch geschrieben werden.

Dirk Stegmann