Von Nina Grunenberg

Wenn es zwei Arten von Ingenieuren gibt, den Reißbrett-Ingenieur und den, der imstande ist, einen Bau zu Ende zu führen, dann gehört der Ingenieur Hans Leussink, Ordinarius für Grundbau, Tunnelbau und Baubetrieb an der Technischen Universität Karlsruhe, zur zweiten Gattung. Er liebt es, einmal begonnene Dinge zu einem Ende zu führen.

Die Westdeutsche Rektorenkonferenz akzeptierte mit ihm 1960 den ersten Techniker als ihren Präsidenten, dem sie dazu noch erlaubte, "den Stachel der Kritik gegen uns selbst zu richten". Das war um so bemerkenswerter, als Hans Leussink nicht nur durch seinen unakademischen, hemdsärmeligen Habitus auffällt. Auch in seiner Diktion ist er der akademischen Rhetorik des neunzehnten Jahrhunderts nicht verhaftet. "Nehmen Sie bloß nicht zuviel Heu auf die Forke", ist eine seiner Lieblingsfloskeln.

Die Philippika, die er den Rektoren 1965 in Würzburg über Probleme der hochschulpolitischen Willensbildung hielt, ist inzwischen zu einem Meilenstein in der Geschichte dieses Gremiums hochstilisiert worden. Sehr wohl möglich ist, daß Leussink diese Rede heute für einen Stein hält, der nichts bewirkte. "Ich habe die Befürchtung", sagte er den Magnifizenzen damals, "daß es in Zukunft der Hochschule von der Gesellschaft einfach nicht mehr gestattet werden wird, von eben dieser Gesellschaft und ihren Bedürfnissen nur widerwillig, zufällig und in der Position einer Institution außerhalb oder neben der Gesellschaft Kenntnis zu nehmen. Eine Katastrophe entsteht daraus für die Universität dann, wenn sie sich in vornehmer Introvertiertheit dieser Herausforderung nicht bewußt wird und sich ihr nicht mit einem klaren Konzept versehen stellt."

Daß die Hochschule seinen damaligen und seitdem unermüdlich wiederholten Rat nicht befolgten, nämlich "jetzt endlich zu handeln und klar auszudrücken, was man positiv will" – dieses Versäumnis ist schwerlich ihm anzukreiden.

Daß das DGB-Vorstandsmitglied Woschech die neue Bundesregierung davor warnte, sich mit einem Mann zu belasten, der "wie Professor Leussink für katastrophale Fehlentscheidungen und Mißgriffe der bisherigen Wissenschafts- und Hochschulpolitik mitverantwortlich ist" – bleibt eine Unterstellung, solange sie nicht näher erklärt wird. Der ADS, die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Studentenschaften, opponierte gegen Leussink mit der Unwahrheit, er sei Mitunterzeichner des gegen eine Demokratisierung der Hochschulen gerichteten "Marburger Manifests" gewesen. Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Frister, verwarf Leussink ebenfalls und glaubt die Bildungspolitik der SPD bei dem Berliner Schulsenator Evers besser aufgehoben.

Die Einsprüche kamen durchweg vom ideologisch eingefärbten Flügel der SPD, für den Leussink mit Sicherheit weniger unerträglich wäre, wenn er ebenfalls als Glaubensstreiter auftreten würde. Doch Leussink ist vor allem eines: unabhängig – und das in einer für deutsche Verhältnisse ungewöhnlichen, sogar ärgerlichen Weise.