Von Heinrich August Winkler

Barrington Moore: "Soziale Ursprünge von Diktatur und Demokratie. Die Rolle der Grundbesitzer und Bauern bei der Entstehung der modernen Welt"; aus dem Amerikanischen von Gert H. Müller; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1969; 635 Seiten, karl. 28,– DM, Leinen 38,– DM.

Ist die Beseitigung der Landwirtschaft als einer sozialen Hauptbeschäftigung eine Voraussetzung erfolgreicher Demokratie? Der Harvard-Professor Barrington Moore zögert nicht, diese Frage zu bejahen. Eines der Ergebnisse seiner Forschungen über die historischen Rollen von Bauer und Grundbesitzer in Europa, Nordamerika und Asien lautet: Ein demokratisches Regierungssystem konnte sich nur dort einspielen, wo die politische Hegemonie der grundbesitzenden Oberklassen gebrochen oder umgewandelt wurde. "Der Bauer mußte zum Landwirt werden, der für den Markt produziert, anstatt für den eigenen Verbrauch und für den des Oberherrn. Im Verlauf dieses Prozesses wurden die grundbesitzenden Oberklassen entweder zu einem wichtigen Teil der kapitalistischen und demokratischen Flutwelle, wie in England, oder sie wurden – falls sie sich ihr entgegenstellten – in den Erschütterungen weggefegt. Mit einem Wort, die grundbesitzenden Oberklassen halfen entweder mit, die bürgerliche Revolution zu machen, oder sie wurden durch sie vernichtet."

Das Buch von Barrington Moore, das bereits 1966 in den Vereinigten Staaten erschienen ist, gehört zweifelsohne zu den bemerkenswerten Leistungen der vergleichenden Sozialgeschichte. Es knüpft an eine Tradition an, die in Deutschland so glanzvolle Namen wie Max Weber und Otto Hintze vorzuweisen hat. Aber Moore begenügt sich nicht damit, durch Vergleiche historische Typen zu erarbeiten – er versucht, zu einer Theorie des geschichtlichen Wandels vorzustoßen. Er will jene historischen Bedingungen herausfinden, unter denen Bauern und Grundbesitzer zu mächtigen politischen Antriebskräften wurden – entweder bei der Entstehung der parlamentarischen Demokratie oder aber faschistischer und kommunistischer Regime.

Moores Frage schließt eine Vermutung in sich, die durch seine Forschungsergebnisse bestätigt wird: Die vorindustriellen Gesellschaftsstrukturen der im einzelnen untersuchten Länder bestimmten weitgehend deren politische Entwicklung während der Industrialisierung und danach. Anders und allgemeiner gewendet: Um die Herrschaftsformen der jüngsten Vergangenheit, der Gegenwart und der voraussehbaren Zukunft zu begreifen, bedarf es der Kenntnis nicht nur ihrer Ideologien, sondern auch ihrer sozialgeschichtlichen Voraussetzungen.

Das Land, das vergleichsweise am friedlichsten von der agrarischen in die industrielle Welt überwechselte, ist England. Große Teile seiner Gentry hatten sich frühzeitig dem Wollhandel zugewandt. Die traditionelle Struktur der Agrargesellschaft war durch Einhegungen von Bauernland zerstört worden. Der stark kommerzielle Einschlag im Leben des grundbesitzenden Adels hatte zur Folge, daß sich dem Vordringen der Industrie keine festgefügte Phalanx eines aristokratischen Widerstandes entgegenstemmte. Beim Übergang zur modernen Welt fehlte jenes große Reservoir von konservativen und reaktionären Kräften, das etwa in Deutschland oder Japan der Demokratisierung Widerstand leistete. Zu den langfristigen Wirkungen der britischen Revolution des 17. Jahrhunderts muß man zählen, daß das Parlament zu einer flexiblen Institution wurde, sowohl zu einer Arena für die Forderungen neuer gesellschaftlicher Elemente als auch zum Mechanismus für "friedliche" Interessenkonflikte. Doch der englische Weg der Modernisierung bezeichnet nur eine Form der "bürgerlichen Revolution" – wobei der Ausdruck "bürgerlich" mehr auf die Resultate als auf die Akteure des Umbruchs zielt. In zwei anderen westlichen Ländern erforderte der Übergang zur neuen Gesellschaft größere Opfer. In Frankreich, wo die Landwirtschaft sehr viel länger als in England feudalistischen Charakter trug, hat die Opposition der Bauern gegen das herrschende System nicht nur die Revolution bereiten helfen – die Bauern bestimmten auch deren Grenzen. Ihr Widerstand – genauer: der Widerstand der wohlhabenderen Bauern – gegen die Höchstpreispolitik der Jakobiner hat den Sturz Robespierres mit herbeigeführt. Moore erklärt sich, im Prinzip sicher zu recht, das Ausmaß des jakobinischen Terrors mit der Stärke der gegenrevolutionären Kräfte. Fraglich bleibt indes, ob er dabei nicht doch zuviel nüchternes Zweckbewußtsein in den "terreur" hineindeutet.

Die Existenz eines großen agrarischen Sektors hat – so Moore – die Entwicklung der französischen Demokratie im 19. und 20. Jahrhundert erschwert. Leider verzichtete Moore auf eine knappe soziologische Analyse des Bonapartismus. Marx hat im "Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte" die Rolle der Parzellenbauern für die Machtergreifung Napoleons III. hervorgehoben. Die Auseinandersetzung mit seinen Thesen hätte womöglich auch einiges über die gesellschaftlichen Grundlagen des Gaullismus zutage gefördert.