Von Franz C. Widmer

Eine kurze Meldung in der Tagespresse ließ die Fachleute in aller Welt aufhorchen: Ein Londoner Diamantenhändler steige groß ins Investment-Geschäft mit Glitzersteinchen, mit Diamanten, ein. Alexander Geddes’ "Diamond Selection" werde vielleicht sogar am Monopol aller Monopole, an der bislang unangefochtenen Machtstellung von De Beers, rütteln, argwohnten die einen. Endlich könne man auch in Diamanten investieren, ohne die "Katze im Sack" kaufen zu müssen, frohlockten andere.

"Die Katze muß im Sack gekauft werden." So lautete bisher die Kritik am Diamantenhandel, an jenem Geschäft, das wie kein zweites behaftet ist mit Glanz und Gerüchten, mit Geheimnissen und Romantik. Oppenheimer und De Beers – das sind die beiden Namen, die mit dem Diamantengeschäft regelmäßig in Verbindung gebracht werden, mit dem größten und perfektesten Monopol der modernen Wirtschaftsgeschichte: Ein Mann, eine einzige Firma, gestaltet den Weltmarkt für Diamanten, bestimmt Preise und Mengen, reguliert das Angebot und herrscht nach eigenem Gutdünken. Ein Geschäft, das mangels jeglicher Konkurrenz sagenhafte Gewinne abwirft: ein Geschäft schließlich, das nur im Dunkeln, in einer Atmosphäre von Krimi und James Bond abgewickelt wird. So etwa stellt man sich im allgemeinen den Diamantenhandel vor.

Vieles an dieser Vorstellung stimmt. Nicht nur blühen Schmuggel und Diebstahl in den Diamantenminen unter der heißen Sonne südlich des Äquators. Auch in den kühlen Räumen der Verkaufsorganisationen in Londons City herrscht eine geheimnisvolle Atmosphäre, knistert die Spannung. Und der Londoner Handel ist es denn auch, welcher "De Beers Consolidated Mines Ltd." die Aura des Monopolkapitals, des Verruchten und Skrupellosen verschafft. Tatsache ist; daß die Gesellschaft mit Sitz im südafrikanischen Kimberley etwa 95 Prozent des gesamten Welthandels in Natursteinen auf sich vereinigt.

Besonders augenfällig und spürbar wird die Monopolstellung von De Beers nicht in der weitverzweigten Produktion, sondern vor allem in der straffen Absatzorganisation, in den Lon-Häuserblocks an der Charterhouse Street und wenige Schritte davon entfernt im Rolls Building. Die räumliche Trennung der beiden Gebäude, in denen die Verkaufsorganisation untergebracht ist, verdeutlicht am besten die Zweiteilung des Marktes in den Industrie- und den Schmucksektor. Im Rolls Building gibt’s lediglich einen Portier in einer unauffälligen Empfangshalle. De Beers wickelt hier zwischen 80 und 90 Prozent des gesamten Welthandels in Industriesteinen ab.

Der Käufer, der ins Haus kommt und seine Wünsche äußert, kann gewiß sein, daß sie ihm auch erfüllt werden. Es darf allerdings kein unbekannter Herr Müller oder Mister Smith anklopfen und etwa zehn Steinchen verlangen. De Beers’ "Industrial Trading Division", die Verkaufsabteilung für Industriediamanten, verkauft nur große Lose: 5000 Karat (1 Karat = 0,2 Gramm) sind das absolute Minimum. Auch hier, wo man weder von Verlobungsringen noch von Diademen spricht, sondern nüchterne Bestandteile für nüchterne Werkzeugmaschinen im Sinne hat, bemüht man sich, etwas "Besonderes" zu sein.

Die Preise sind dementsprechend. 2,15 Dollar werden gegenwärtig in London für ein Karat allerschlechtester Qualität bezahlt, und die Preisskala reicht bis zu 20 Dollar. Ein kleines Los kostet also bereits zwischen 10 000 und 100 000 Dollar.