Von Heinz Josef Herbort

Die argentinische Komponistin Hilda Dianda, 44, über ihr Stück "Ludus I", ein Auftragswerk des Südwestfunks, das am Wochenende in Donaueschingen uraufgeführt wurde: ",Ludus I‘, das angeregt wurde durch die Begegnung mit einem Nashorn in einer kleinen deutschen Stadt, ist ein großes Spielbrett, auf das die Ausführenden ihre Figuren setzen: Klänge, Farben, harmonische Komplexe, instrumentale Effekte. Dabei folgen sie Regeln, die aber nicht immer starr sind."

Der Rumäne Anatol Vieru, 43, über seine in Donaueschingen als Auftragswerk des Südwestfunks uraufgeführte "Sonnenuhr": "Klingende Abdrücke in dreifachem Piano bilden einen gleichbleibenden Klangblock. Man hat es hier mit einer nicht wahrnehmbaren Bewegung zu tun, die aus dem Auftreten und Verschwinden von Klängen entsteht, welche sozusagen in Filzschuhen gehen; es ist eine Bewegung an der Grenze zum Stillstand. Es handelt sich um ein konkretes Kontinuum, das unsere Sinne aber auf diskontinuierliche, diskrete Weise wahrnehmen."

Der Sowjetrusse Alfred Schnittke, 34, über "... pianissimo ...", Auftragswerk des Südwestfunks für Donaueschingen: ",... pianissimo ...‘ verwertet eine strukturelle Idee von Franz Kafka: ein unentwirrbar scheinendes Netz verschiedenartigster Linien enträtselt sich allmählich als tausendfältige Widerspiegelung eines banalen Spruchs. Aber Kafkas Erzählung bildet nicht das Programm für ‚... pianissimo ...‘, sondern nur ein Modell für die Partitur: für ein Geflecht kurzer oder langer, einfarbiger oder bunter linearer Gewächse, die alle, einzeln genommen oder in beliebigen Zusammenhängen, immer dieselbe Urstruktur verkörpern: das ‚Gesetz‘."

Der Mexikaner Manuel Enriquez, 43, über sein im Auftrag des Südwestfunks für Donaueschingen komponiertes Stück "Ixamatl" (zu deutsch: "Seiten"): "Den Anlaß zur Komposition gab eine Vision von Bildern und Gedanken, überliefert durch Hieroglyphen, Codices und Gedichte aus den Kulturen meiner Vorfahren. Ich habe die Phoneme zu Silben einer rhythmischen Prosa geformt. Die so verschiedenartige Verbindung von Vokalen und Konsonanten gab mir Anregungen für Artikulationen und Spielarten. Die graphische Aufzeichnung gliedert sich in drei Sparten: fixierte Klänge, aber freie Metrik; fester Rhythmus, aber nicht fixierte Klänge; reine Improvisation, die ausgelöst und kontrolliert wird durch die ‚Zeichnung‘ und durch die Sekundenangabe der Dauer."

1969 komponiert man in Argentinien und Rumänien, in der Sowjetunion und in Mexiko die gleiche Musik nach den gleichen Regeln, Regeln, die eben nicht starr sind, mit Bewegungen, die nicht wahrnehmbar sind: tausendfältige Widerspiegelung eines banalen Spruchs.

Der Komponist Pierre Boulez in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung": "Das Ritual der Konzerte muß geändert werden."