Um die Indios des brasilianischen Urwaldes spinnt sich keine Karl-May-Romantik. Sie sind Studienobjekte der Ethno- und Anthropologen und dem Laien allenfalls bekannt als Schützen Curare-vergifteter Pfeile. Erst im Frühjahr vergangenen Jahres richtete ein sensationsträchtiger Skandal das Interesse auf jene scheuen Urwaldbewohner. Der Bericht einer Untersuchungskommission, die vom brasilianischen Innenminister eingesetzt worden war, beschuldigte zahlreiche Angehörige des Indianerschutzdienstes schwerster Verbrechen an der indianischen Bevölkerung.

Kürzlich machte ein schwedischer Völkerkundler mit diesem Thema aufs neue Schlagzeilen. Seine Behauptung – die brasilianische Regierung lasse in Kanada Flugzeuge mit Abwurfeinrichtungen für Napalmbomben zur Indianerbekämpfung ausrüsten – ist in ihrem Wahrheitsgehalt nicht zu überprüfen. Sie gibt gleichwohl Anlaß, erneut den Blick auf einen schlimmen Tatbestand zu lenken: den Untergang der indianischen Urbevölkerung Brasiliens.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben sich nach verschiedenen Schätzungen zwischen drei und sechs Millionen Indios innerhalb der Staatsgrenzen aufgehalten. Schon um die Jahrhundertwende schätzte man ihre Zahl nur noch auf ein bis zwei Millionen, heute auf fünfzig- bis hunderttausend. Der ungleiche Kampf im brasilianischen Urwald ist ein Kampf zwischen zwei Zivilisationen. Jene zahlreichen Indiostämme haben bis zum Zusammenstoß mit den weißen Eroberern gleichsam in einer paradiesischen Unschuld gelebt. Sexuelle Scham und Mißtrauen gegenüber dem Mitmenschen waren ihnen ebenso fremd wie das Erwerbsbedürfnis.

Die hohen Organisationsformen ihres Stammeslebens, die vielfältig entwickelten Riten ihrer Naturreligionen legten Zeugnis ab von einer großen Kulturfähigkeit. Das Fehlen sozialer Konflikte freilich, der natürliche Überfluß ihres Lebensraumes ließen es nie zu jener "challenge" kommen, gegen die sich widerstandsfähige, vom Willen zur Selbstbehauptung beherrschte Zivilisationen aufbauen. So wurden und werden die Indios noch heute zu leichten Opfern der Aggressionslust und Habgier alter und neuer Konquistadoren aus Europa, Nordamerika und Brasilien selbst.

Die Dezimierung der Indiobevölkerung geht bis auf den heutigen Tag zwei verschiedene, aber nahezu gleich wirksame Wege. Da sind einmal die Infektionskrankheiten wie Grippe und Masern, die bei den Indios, von diesen Krankheiten bislang noch nicht heimgesucht und daher auch ohne körpereigene Abwehrkräfte, fast immer tödlich verlaufen. Zum andern werden die Lebensgewohnheiten bewußt zerstört. So ist es ihnen verboten, ihre alten religiösen Riten weiterhin auszuüben. Zwangsweise werden Moralvorstellungen, sexuelle Tabus, Verhaltensnormen der westlichen Zivilisation übertragen und rücksichtslos durchgesetzt – vor allem von puritanischen Sektenmissionaren aus den USA. Die Folge sind Apathie, Lebensunlust und Siechtum. Bemühungen, die Indios in den Funktionsablauf des privatwirtschaftlichen Systems einzugliedern, scheiterten vor allem an ihrem Unvermögen, sich in den Kategorien Erwerb und Wettbewerb zurechtzufinden. Der Mechanismus des Systems ließ sie statt dessen’zu Objekten der Ausbeutung werden, insbesondere in den Jahren des brasilianischen Gummibooms.

Im Dienste nur einer der zahlreichen Gummigesellschaften, hier liegen exakte Zahlen vor, kamen damals allein 30 000 Indios ums Leben. Damit sich so etwas nicht wiederhole, wurde 1910 von der brasilianischen Regierung der "Indianerschutzdienst" gegründet. Ein halbes Jahrhundert später ist es nun eben diese Einrichtung, die entscheidend zur Vernichtung der letzten Indianer in Brasilien beiträgt.

Zum Schutz der Indiobevölkerung besteht in Brasilien ein Gesetz, das ein Gebiet, in dem Indianer leben, diesen als Eigentum zuspricht. "Indianerfreies" Gelände dagegen ist Staatseigentum und kann an Privatleute verkauft werden. Will also ein Geschäftsmann ein Stück Urwald kaufen, so muß er den Behörden nachweisen, daß dieses Gebiet frei von Indianern ist. Da nun in den letzten Jahren durch den Anstieg der Edelholzpreise, vor allem aber durch Meldungen und Vermutungen über umfangreiche Lagerstätten von Edelmetallen, durch Ölfunde am Mato Grosse die private Nachfrage nach Urwaldterritorien in Brasilien sprunghaft gestiegen ist, haben die Bodenspekulanten neue Schritte unternommen, um ihr Angebot zu erweitern. Mit Unterstützung oder zumindest Billigung der Beamten des Indianerschutzdienstes – angeblich durch massive Bestechung erkauft – wurden weite Gebiete, die bislang von Indios bewohnt waren, "indianerfrei" gemacht. Die nachgewiesenen Methoden dabei sind: An die Indios, die Alkohol nicht kennen, wird Schnaps verteilt; die wehrlosen Betrunkenen werden mit Maschinengewehren und automatischen Handfeuerwaffen niedergeschossen. Oder es wird an die Indios arsenvergifteter Zucker verteilt. Mehrere Stämme wurden mit einem Pockenvirus geimpft – unter dem Vorwand, es handele sich um eine Malariaschutzimpfung. Dynamitladungen wurden aus Flugzeugen auf Urwalddörfer geworfen, die Dorfbewohner, die flüchten wollten, wurden erschossen.