Von Rudolf Hartung

RUDOLF HARTUNG: Mit Ihren beiden letzten Romanen "Herr G. A. in X" und "Ambrosius" haben Sie sich – oder Ihre. Helden – weit aus, unserer Gegenwart entfernt: das eine Mal in einen imaginären Stadtstaat X, wo eine andere und sehr eigenartige Gesetze und Sitten herrschen, das andere Mal in das vierte Jahrhundert nach Christus und zu den Kirchenkämpfen jener Epoche. Da Sie früher in Ihren Erzählungen und Ihren Romanen sich intensiv zeitkritisch mit der Wirklichkeit auseinandergesetzt haben, war das vielleicht für manche Ihrer Leser etwas verwirrend. Was bedeutet diese "Abkehr": Haben Sie es aufgegeben, die Gegenwart zu gestalten, oder behandeln Sie auch in diesen Romanen weiterhin aktuelle Probleme, nur verkleidet, verfremdet?

TIBOR DÉRY: Ich stelle mir vor, daß man sich beim Schreiben von sogenannten historischen Romanen der Vergangenheit immer rücklings zu nähern versucht, das Gesicht der Gegenwart zugewendet. Entscheiden Sie selber, ob der Rücken oder der frontale Aspekt der reizvollere ist. Derselbe Krebsgang wiederholt sich beim Verfassen von sogenannten Utopien: Das Gesicht der Gegenwart zugewendet, trachtet man sich mit dem blinden Rücken in die Zukunft hineinzudrängen. Wobei zu bemerken ist, daß die Gegenwart unglücklicherweise um nichts verläßlicher dargestellt werden kann als Vergangenheit und Zukunft, die zum Überfluß den Vorteil haben, daß sie in geringerem Maß der stumpfsinnigen Kontrolle der Fakten ausgesetzt sind.

Der erste der beiden erwähnten Romane, "Herr G. A. in X", wurde während einer dreijährigen Haft (1957 bis 1960) verfaßt, doch zweifle ich, ob es allein die Kerkermauern waren, die mich von der sogenannten Realität der Gegenwart trennten. Der Schock des Gefängnisses trug wahrscheinlich dazu bei, daß ich mich im Rückwärtsgang nach vorn versetzte, doch ausschließlicher Grund war er sicher nicht, ebensowenig wie die politische Enttäuschung, die schon seit langen. Jahren in mir glomm und schließlich und endlich nur meine nie verhehlte schlechte Meinung über unsere Artgenossen und über die eigene Dummheit bestätigte.

Daß ich dann anschließend einen Roman, oder sagen wir lieber eine Art von satirischer Legende, über den Heiligen Ambrosius und die anmutigen Akrobatenspiele der Kirchengründung zu schreiben versuchte, war sicherlich auch ein Nachspiel meiner Gefängniszeit, kann aber wahrscheinlich ebensowenig wie der "Herr G. A." nur als Reaktion auf diese aufgefaßt werden. Ich setze voraus, daß als Antwort auf die unangenehmen Fakten der Wirklichkeit mein alter Hang zum Märchen, das heißt zur Über- oder Unterwirklichkeit, frisch erwacht ist: Man wehrt sich, wie man kann. Meine romantischen und surrealistischen Schülerjahre forderten anscheinend eine Fortsetzung.

Aber all dies dürfte, hoffe ich, den Leser wenig interessieren. Wäre es nicht angebracht, das Interview hier zu beenden und auf dem Platz, der Ihnen noch zur Verfügung steht, eine gute Erzählung von mir oder jemand anderem zu bringen?

Lassen Sie mich versuchen, unser Gespräch fortzusetzen – ich möchte noch einmal auf "Herr G. A. in X" zurückkommen. Sehnsucht aller Menschen in dem imaginären Land dieses Romans ist es zu sterben; auch haben die Menschen hier keine oder fast keine Bedürfnisse mehr. Hat es den Romancier Tibor Déry gereizt, einmal eine andere Welt zu gestalten? Und wollte er versuchen, ob man dem Leben auch eine ganz andere Einstellung zum Tode zumuten kann?