Während in der dritten Koalitionswoche täglich neue Namen der Kabinettsliste gehandelt wurden, blieb eine andere Liste streng unter Verschluß; jene schwarze Liste, die Aufschluß geben sollte, welche Politiker und Manager aus der Union und der Wirtschaft versucht haben sollen, Abgeordnete der FDP "einzukaufen".

Walter Scheels "brisante" Liste wird freilich kaum noch ernst genommen. Was bisher; über Pressionen und "dunkle Geschäfte" bekanntwurde, ist dürftig: Bruno Heck soll dem ehemaligen Verkehrsminister von Nordrhein-Westfalen, Kienbaum (FDP), den Posten eines Bonner Wirtschaftsministers für den Fall eines Umfalls angeboten haben. Selbst wenn das stimmt, und dementiert wurde es nicht, ist kaum zu glauben, daß Heck dabei auch diskret die Auftragslage von Kienbaums Industrie-Beratungsunternehmen angetippt hat. Die Nachricht, daß sich Kurt Georg Kiesinger beim Bundesbahnpräsidenten nach der Wirtschaftslage der Waggonfabrik des eher konservativ eingestellten Freidemokraten Carlo Graaf erkundigt haben soll, stimmt dagegen bedenklicher, zumal bislang ein hartes Dementi fehlt. *

Dagegen erwies sich das Gerücht, der Flick-Gesellschafter Wolfgang Pohle (CSU) habe dem Wirtschaftsexperten der FDP, Werner Mertens, einen Aufsichtsratsposten in Aussicht gestellt, als fromme Lüge. Pohle schrieb Mertens nur einen Brief, der die enttäuschende Feststellung enthielt, er habe anderes erwartet – man habe doch immer gut miteinander gekonnt.

So blieb nahezu. nichts von dem, was der bayerische Liberale Hans. Heinrich Schmidt am Biertisch angesprochen hatte, als er tiefsinnig beklagte; bestimmte Kreise der Wirtschaft und der Union hielten die FDP für einen "Stall von käuflichen Dirnen". Worte, die besser nicht gefallen wären.

Dem ersten Schock über die verlorene Schlacht ist Ernüchterung in der Union gewichen. Neben den Christdemokraten ziehen nun auch Industrie, Handel und Banken Bilanz. Überall beginnt die Suche nach den Sündenböcken. Einer von ihnen, der außerhalb der Partei steht, ist der Bankier. Hermann Josef Abs. Man nimmt es Abs übel, daß er seinen Einfluß vor allem, auf dem Gebiet der Währungsfragen so stark geltend gemacht hat. Aus der engeren Umgebung des alten Kanzlers hörte man in diesen Tagen häufig den Vorwurf, Abs habe die Wahl mitverloren. Der Bankier war es schließlich, der dem Kanzler den dringenden Rat gab, in der Aufwertungsfrage hart zu bleiben. Jetzt, nachdem Kiesinger noch als Kanzler der De-facto-Aufwertung zugestimmt hat, erinnert man sich nicht ohne Schadenfreude, daß Abs in der gleichen Frage schon einmal "irrte". 1961, im Streit um die Aufwertung zwischen Adenauer und Erhard.

In der Union und in deren Wirtschaftsgremien wird eine drängende Frage gestellt: Wie kann die Koalition ökonomischer Interessengruppen zusammengehalten werden? Die Partei fürchtet ernsthafte Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen in und außerhalb der Parteihierarchie. Erschwerend ist dabei, daß bisher keine Persönlichkeit gefunden ist, die fähig wäre, Interessenkollisionen, die vom CDU-Wirtschaftsrat bis hin zu den CDU-Sozialausschüssen auftreten werden, auszugleichen.

Während der Wirtschaftsrat, die Wirtschaftsvereinigungen der CDU und die Mittelstandskreise noch miteinander hadern, hat sich der Flügel um Hans Katzer bereits auf Kampf eingestellt. Der Bundesausschuß der Sozialausschüsse, der mit Katzer rund 50 bis 60 Abgeordnete ins Parlament schickt, legte die Marschroute bereits kurz nach den Wahlen fest. Nach der Manöverkritik, die die Stimmverluste der Ketzergruppe betraf (Katzer verlor in Köln fast zehn Prozent), ist der Reformeifer der linken Christdemokraten um so ausgeprägter. Dr. Norbert Blüm, aktiver Hauptgeschäftsführer der CDU-Sozialausschüsse: "Jetzt müssen die Reformer nach vorn. Mit unseren Rechtskonservativen können wir nichts mehr ausrichten, es sei denn bei ein paar Holzfällern in Bayern."