Ob den Reformern der Durchbruch gelingen wird, ist fraglich. Kiesinger möchte die neue Regierung mit mittelstands- und industrieorientierten Gesetzesentwürfen in Verlegenheit bringen. Katzer strebt dagegen die Senkung der Erbschafts- und Gewerbesteuer an. Mit eigenen Vorschlägen für die Vermögensbildung der Arbeitnehmer will er den Konflikt mit der kleinen Koalition suchen. In der Mitbestimmungsfrage stehen die Sozialausschüsse auf fast verlorenem Posten. Blüm: "Unsere Position in der Partei hat sich verschlechtert, nachdem die Gewerkschaften ihr Programm verraten haben. Würden wir jetzt initiativ, dann sagten bei uns die Rechten: ‚Was wollt ihr denn, nicht einmal die Regierung will das.‘ Dennoch werden wir die Regierung ständig danach fragen."

*

Immerhin steht fest, daß Hans Katzer in der Fraktion eine starke Stellung eingeräumt wird. Kurt Schmücker dagegen hat trotz seiner Hausmacht im Bundesausschuß für Wirtschaftspolitik der CDU, in der Mittelstandsvereinigung, in der CDU-Wirtschaftsvereinigung und im Wirtschaftsrat kaum Aussichten, Wirtschaftssprecher zu werden. Abgesehen davon, daß Kiesinger mit dem Vorschlag einer Art Schattenkabinett gescheitert ist, strebt Rainer Barzel als Fraktionschef Teamarbeit an. Und in diesem Team wird Schmücker keine Gelegenheit haben, die von ihm vor der Wahl aufgeworfene Frage, "ob unsere Konzeption, die Konzeption. der sozialen Marktwirtschaft, auch für die siebziger Jahre Gültigkeit hat", tonangebend zu beantworten.

Barzel will jüngere Kräfte heranziehen: Carl Otto Lenz, der Versicherungskaufmann Walther Leisler-Kiep, der Steuerrechtler Manfred Luda, Heinrich Gewandt und Manfred Wörner, der seiner Partei alles andere als einen Tiefschlaf gönnen will.

Die große Wirtschaftshoffnung der CDU, Fritz Hellwig, Vize der EWG-Kommission in Brüssel, der schon einmal vor Jahren erfolglos gegen Schmücker angetreten war, blieb allerdings aus. Der als "Anti-Schiller" apostrophierte Hellwig ließ in seinem Kölner Wahlkreis, der sicher schien, einer Sozialdemokratin den Vortritt. Auf der Landesliste aber gab es für ihn keinen Platz. Vergeßlichkeit? "Unverzeihlicher Leichtsinn", meinte ein Abgeordneter der CDU.

Hellwig wurde allerdings kein Opfer einer Gentleman-Geste gegenüber einer Frau, er stolperte vielmehr über einen Trend, der sich nach einer Infas-Wahlanalyse vor allem in Gebieten bemerkbar machte, in denen Handel, Banken, Verwaltungs- und Dienstleistungsbetriebe überrepräsentiert sind." Die Analyse, die auch die Christdemokraten beschäftigt, beweist, daß Beamte und Angestellte dem Politiker den Vorzug gaben, der die Wirtschaft zu vertreten hat. In der Frage der Preisstabilität vertrauten sie Schiller weit mehr als der CDU und Franz Josef Strauß, der sich in Bonn einen eigenen Generalstab aufbauenwill und in der Gesamtfraktion eine starke Stellung als all-round-Fachmann fordert und erhält.

Zahlreiche renommierte CDU-Wirtschaftler mußten in ihren Domänen überdurchschnittliche Verluste buchen. Schmücker verlor in seinem Wahlkreis mehr als vier Prozent seiner Stammwähler, Professor Gustav Stein, Geschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Industrie,fünf Prozent; der Weckglasfabrikant und Mitbegründer des CDU-Wirtschaftsrates, Alphons Horten, büßte 3,5 Prozent Stimmen ein. Der Anti-Mitbestimmungs-Lobbyist Felix von Eckardt verlor sogar seinen Wahlkreis und verdankt sein Comeback nur einem Listenplatz.