Die Industrie- und Wirtschaftslobby ist trotz einiger Stimmenverluste wieder vollzählig im Bundestag vertreten, so die Großkonzerne Thyssen durch den Altparlamentarier Kurt Birrenbach, Flick durch Wolfgang Pohle, der vor einigen Jahren von der CDU zur CSU konvertierte, Eisen und Stahl durch Hans Dichgans. Die Chemie kann auf Neulinge wie Dr. Günther Böhme (Bayer), Philipp von Bismarck (Kalichemie) und Karl Heinz Spilker (Vorstand Kalle AG) zurückgreifen. Investment-Vertreter ist Erich Mende (IOS). Insgesamt rund 100 Mandatsträger haben potente Geldgeber aus Industrie, Handel und der Verbandswirtschaft im Hintergrund.

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Die stärkste Gruppe bilden Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes. Fast 40 Prozent der 522 Abgeordneten bilden eine "vierte Fraktion". Der Anteil der Gewerkschaftler ist nicht minder hoch. Er wird auf 200 geschätzt. Doch nur 30 MdB vom DGB dürften wirklich zur Lobby gerechnet werden. Der Mitwirklich ist nach erster Zählung mit etwa 30 Einzelhändlern, Hoteliers, Apothekern und Drogisten schwach repräsentiert. Doch wenn die Lebensläufe detailliert vorliegen, dürfte sich noch manch ein "Geschäftsführer" mit Mittelstandsinteressen finden lassen.

Dezimiert kehrte die Handwerkslobby nach Bonn zurück – sie hat sich um die Hälfte verringert, von achtzehn auf neun. Von diesen gehören sieben zur Union. Der Zentralverband des deutschen Handwerks hat auch schon seine Fühler ausgestreckt, um die Beziehungen zu den Sozialdemokraten zu aktivieren.

Die "Grüne Front" entsandte rund 40 Vertreter, die überwiegend in der Opposition agieren müssen. Das mag der Grund sein, weshalb Bauernpräsident Baron von Feury aktiv wurde, noch ehe die Regierung gebildet war. Er drohte massiv mit dem Austritt aus den EWG-Gremien, wenn die Erzeugerpreise nicht unabhängig von Währungsmaßnahmen auf ihrem derzeitigen Stand in D-Mark gesichert würden.

Für Schiller kam die Drohung nicht unerwartet. Seine Planspiele sehen unter anderem vor, die Verluste der Bauern beider zu erwartenden Wechselkursänderung durch direkte Einkommenssubventionen auszugleichen. Landwirtschaftsminister Ertl, der seine neue Funktion ein "Himmelfahrtskommando" nannte, wird gewichtig mitreden wollen. Noch vor den Bauern erhoben die Kriegsopferverbände ihre Forderungen in Höhe von einer Milliarde. Katzer griff den sicher nicht nur ihm zugeworfenen Ball auf und versprach seine Oppositions-Unterstützung.

Die Tatsache, daß die Lobby künftig stärker in der Opposition als in den Regierungsparteien sitzt, hat in den rund 500 Lobbyisten-Büros in und um Bonn Unbehagen ausgelöst. Ein führender Vertreter der Verkehrsgewerbe, der sich bislang nie ins Bonner Bundeshaus begeben mußte, weil er über direktere Drähte verfügte, fürchtet, seine "rosa Zeiten" seien nun vorbei: "Ich will nicht sagen, wir müßten wieder klein anfangen. Aber wir müssen jetzt mehr rotieren als früher."