Von Jean Améry

Schreiben muß man können. Den Fliederduft im Garten, wenn die erste Geliebte vorübergeht – so ungefähr schrieb der hier aus dem Gedächtnis zitierte Karl Kraus – dürfe man nur dann für eine allgemeine Angelegenheit der Kultur halten, wenn man ein Dichter ist. Ernst Fischer kann. Seine Fliederdüfte, erste, zweite, dritte Lieben, seine Rebellionen gegen den Vater, auf den er als Vierzehnjähriger die Pistole richtete, ohne freilich abzudrücken, glücklicherweise, sein Weg zurück von der zusammenbrechenden österreichischen Front des Ersten Weltkriegs, seine Lehr- und Wanderjahre als unbotmäßiger Schüler, studierender Bauarbeiter, junger, Redakteur sind in diesem Sinne allgemeine Angelegenheiten der Kultur.

Muß man Österreicher sein, müssen auf gewissen Strecken eigene Reminiszenzen mit denen Fischers sich decken, um das zu erkennen? Ich glaube nicht. Denn da findet sich beispielsweise, was man einst ein "Kabinettstück" genannt hätte: Die knappe Geschichte des jungen Leutnants, der die Mutter des Narrators unglücklich liebte und sich erschoß. Joseph Roth hatte da seine Hand im Spiel. Und Arthur Schnitzler. Vielleicht auch Musil, da doch das kleine soldatisch-bürgerliche Trauerspiel über die Szene eines Kakaniens ging, das man als solches erst durch Musil hat erkennen können. Aber wer auch niemals eine Zeile von Roth, Schnitzler, Musil gelesen hat, kann wohl nicht unberührt, ungerührt bleiben, es sei denn, sein ästhetischer Kodex sei fixiert von Leuten wie Roland Barthes, für die dann freilich jede Art von Emotion, die aufsteigt aus einem Literaturwerk, Sünde ist wider den Geist: den Geist dieser Zeit, der Ergriffenheit nicht zuläßt, wenn etwa durchaus Frau Blum den Milchmann kennenlernen möchte. Ich bin nicht sicher, daß Ernst Fischers allgemeine Angelegenheiten der Kultur, die autobiographisch sich auftun, gerade jene jungen Rebellen, auf die er doch einleitend in seinem Buch so große Hoffnungen setzt, hinterm Ofen der Sprache des Literaturbetriebs hervorlocken werden.

Doch was rezensiere ich. da eigentlich? Ein Werk der Schönen Literatur? Eines der schönen, klein geschrieben. Und noch ein anderes. Zwei Bücher werden hier besprochen, die freilich als eines zwischen zwei Buchdeckeln sich präsentieren. Sie heißen –

Ernst Fischer: "Erinnerungen und Reflexionen"; Rowohlt Verlag, Reinbek; 477 S., 28,– DM.

Ernst Fischer muß nicht erst vorgestellt werden. Seit er mit immer größerer Entschiedenheit aus dem Geistesgetto der Kommunistischen Partei Österreichs heraustrat (in der vergangenen Woche schloß sie ihn aus), seit vor allem er zu jenen Kommunisten gehört, die nach der Invasion der ČSSR mit Moskau brachen, ist er der politisch und literarisch interessierten Öffentlichkeit weithin bekannt. Nur zur Erinnerungshilfe für den Leser sei nachnotiert, mit wem man es zu tun hat. Ernst Fischer, siebzigjährig, Angehöriger einer zweimal, 1914 bis 1918, 1934 bis 1945, verlorenen Generation, ist Sohn einer k. u. k. Offiziersfamilie. Der Großvater war gar General. Der Vater, ein uniformierter Unmensch, der da starb mit dem letzten Seufzer, es solle der Sohn den Juden und den Sozis mißtrauen, doch glücklicherweise sein schrecklich ernstes Führen den Kindern nicht hinterlassen hat, brachte es, glaube ich, nur zum Rang eines Oberst. Als blutjunger Einjährig-Freiwilliger stand Fischer im Ersten Weltkrieg an der italienisch-österreichischen Front und wurde beim Zusammenbruch von seinen Männern zum Soldatenrat gewählt. Nachkrieg, Zwischenkrieg: Fischer war sozialdemokratischer Redakteur, erst in seiner Vaterstadt Graz, danach in Wien. Nach dem austrofaschistischen Putsch und dem verzweifelten Aufstand der österreichischen Arbeiter 1934 fand er zur Kommunistischen Partei, ging nach Moskau, wurde Funktionär der Komintern. 1945 in die Heimat zurückgekehrt, brachte er es zum Staatssekretär für Unterricht in einer kurzlebigen, die Kommunisten umfassenden Regierung der Zweiten Republik, war danach Parlamentsmitglied, schließlich, nachdem die KPÖ keine Mandate mehr erzielen konnte, freier, Schriftsteller; als dieser hat er jahrelang nur in konfidentiellen kommunistischen Organen publiziert und trat erst 1968 mit den zwei besonders geistvollen, den Kommunismus als Humanismus jenseits des dialektischen Denkspiels einerseits, des stumpfen Dogmatismus andererseits wiederherstellenden Werken "Kunst und Koexistenz" und "Auf den Spuren der Wirklichkeit" (beide bei Rowohlt) ins volle Licht der bürgerlichen Welt und der antibürgerlichen Kritik.

"Erinnerungen und Reflexionen" zerfällt denn, so will es mir scheinen, in zwei Teile: einen prononciert dichterisch-autobiographischen, der zeitlich bis etwa 1934 reicht, und einen politischautokritischen. Die Dichtung, wobei beileibe nicht gemeint sein soll, daß sie auch nur einen Finger breit von der gelebten Wahrheit abweiche, hat in jeder Hinsicht das Übergewicht: Sie umfaßt quantitativ von den 477 Seiten rund dreihundertfünfzig und hat qualitativ jene Spontaneität und künstlerische Durchschlagskraft, die dem Werk seinen Charakter gibt. Fischer, der Dichter, sofern dieser einigermaßen entwertete Begriff überhaupt noch gebraucht werden darf, steht noch heute ganz offenbar im Banne jenes Expressionismus, dessen Aufgang und Triumph er als junger Mensch erfahren hat. Trakl, Heym, der junge Werfel (der Friedl Feuermaul aus Musils "Mann ohne Eigenschaften") sind anwesend, auch wenn sie nur ganz am Rande zitiert werden. Die Sprache Fischers, prä-verfremdet, schrickt nicht zurück vor dem Pathos, dem – echten – Vibrato menschlicher Rührung, der Ekstase. Unverlierbares entsteht da: das Bild der Mutter etwa, die zu Ausbruch des Ersten Weltkriegs den vom Vater zu Tische geladenen Offizieren, die Serbien sterben lassen wollen, als wär’s ein Stück von Karl Kraus, in tiefem Erschrecken sagt: "Ihr seid Mörder..."; sie wird fürderhin ihren Platz haben in der Literatur, gleichberechtigt neben der Anne-Marie aus Sartres "Die Wörter".