Gedämpft in der Verehrung, die ich Fischer entgegenbringe, aber ihr doch nicht entfremdet, muß ich eingestehen, daß alle Abschnitte des Werkes, die in der UdSSR spielen, außer ein paar Details vielleicht über Pieck, Ulbricht oder Manuilski, nur wenig beitragen zu alledem, was man seit Arthur Koestlers "Sonnenfinsternis" schon weiß und worüber es Zeugenschaften in Fülle gibt, von denen wiederum keine uns das quälende, finstere Rätsel stalinistischen Parteiverhaltens besser löst als Fischers Niederschrift.

Er hat sich redliche Mühe gegeben und spricht mit voller Aufrichtigkeit. Gleichwohl, wir begreifen schlecht, daß dieser komme revolté, der schon als Vierzehnjähriger die Pistole auf den Vater richtete, nicht schon viel früher gesagt hat: Nein, ich spiele da nicht mehr mit. Ich bin Kommunist und will es bleiben, was aber hier geschieht, ist wider den Sternenlauf des Menschheitsfortschrittes und wider das Schicksal der sich verwirklichenden Freiheit.

Unheimlich ist es, lesend beizuwohnen dem Schauspiel, wie sich in der Beschreibung der Sowjetwirklichkeit gleichsam Staub über den Glanz des dichterischen Genies legt. Das Wort von der kafkaesken Welt wird da und dort ausgesprochen, aber es ist nicht Kafka, der diese Welt uns vorführt. "Was war da mit mir geschehen", schreibt Fischer im einführenden Kapitel, sich beziehend auf ein offenbar 1948 verfaßtes Anti-Tito-Pamphlet. "Ich bin weder dumm, noch bösartig, noch herrschsüchtig, niemand hat mich aufgefordert, dieses Pamphlet zu schreiben (...) Aus der Tiefe meiner Erinnerung, aus der Trauer um all das Verlorene, um den, der ich war und nie mehr sein werde, ruft immer wieder ein fremdes Ich mir selbst, dem Fremden zu: Was war da mit dir geschehen

Ja, was nur? Ernst Fischer hat den "Fremden" nicht erkannt, so wenig wie Frau Slanska, deren Zeugnis wir kennen, so wenig wie irgendein anderer der Häretiker oder Konvertiten. Es muß vor der "Trauer um all das Verlorene" darum jegliche Kritik verstummen. Man ist sogar versucht, dem Trauernden Trost zu spenden, ihm zu sagen: Das war eben die große antifaschistische Illusion, das war das breiige Scheusal von Berchtesgaden, mit dem verglichen in der Tat der blutbefleckte Stalin noch jene zumindest physische Würde hatte, die ein Churchill ihm bescheinigte, das war dann letzten Endes der Krieg, den das russische Volk für die Menschheit führte, das blutige Schwert am Himmel, das uns alle, den und jenen, dich und mich, zu Menschen ohne Alternative gemacht hat.

Und weiter ausholend in die Region des Theoretischen, die Fischer in seinem Werk kaum betreten hat, darf man ihm und sich selber die Frage stellen: War es nicht auch die Dialektik, jenes zugleich großartige und verhängnisvolle Denkinstrument, das uns die "tiefen Blicke" gibt, mit dessen vertrackten Mitteln zugleich aber auch alle politischen Narren- und Lumpenstücke sich justifizieren lassen? Und war es nicht auch die unbewältigte und trotz schmählich geistreicher Sophismen unbewältigbare Kontradiktion von Macht (jeder Macht) und Freiheit (jeder Freiheit), die nichts hinterlassen konnte als Trauer um das Verlorene und das stumme Erschrecken vor dem fremden Ich?

An einer Stelle seines Buches bekennt Ernst Fischer, er sei nicht angelegt gewesen zum Politiker. Er war es in der Tat nicht. "In dieser Zeit leben unter uns Männer wie Ernst Fischer", hat Ernst Bloch über ihn geschrieben. "Was hat er nicht schon literarisch durchmessen, ein Dichter, ein Sozialkritiker, Ästhetiker, Marxist von Geblüt..."

In den wesentlichen Teilen des hier zur Rede stehenden Buches spricht der Dichter uns an. An ihn, meine ich, müssen wir uns halten. An ihn und an den Siebziger, der nicht aufgehört hat, das Prinzip Hoffnung hochzuhalten wie eine Standarte. Wie heißt es bei Bloch? "Der Prozeß, in dem die Welt steht, ist noch nicht gewonnen, er ist aber auch noch nicht verloren." Daß er nicht verloren ist, trotz allen die Linke zerreißenden Kontradiktionen, dafür bürgt uns Ernst Fischers Person, sie und seine autobiographischen Bekenntnisse, die mit dem Jahre 1945 enden. Dürfen wir erwarten, daß ihnen die Beschreibung von zweieinhalb Jahrzehnten Zweiter Republik Österreich folgt?