Von Rudolf Braunburg

In Florida, am "Highway" von Naples nach Miami, befindet sich ein Flughafen im Bau, um den es kürzlich heftige Kontroversen gegeben hat. In den Lärm der Bulldozer und Betoniermaschinen, mit denen die 10 500 Fuß lange Bahn fertiggestellt wurde, mischte sich der Krach, den Vertreter der Greater Miami Chamber of Commerce‚ Naturschützer, Flughafenverwaltung und Beamte des US Department of Interior schlugen. Grund: Der neue Hafen befindet sich am Rande des Everglades-Nationalparks.

Die Everglades sind einer der großartigsten und notwendigsten Naturschutzparks der Welt. Ihre Sümpfe sind zum Beispiel das einzige Gebiet der Vereinigten Staaten, in dem der Alligator noch wild lebt. Im Winter nisten dort Tausende von weißen Reihern, Louisiana-Reihern, Seidenreihern, Waldibissen; und auch der seltene Rosa-Löffler und der Bald Eagle, der Wappenadler der USA, sind noch in geringer Anzahl anzutreffen. Im ganzen beherbergt der Park mehr als dreihundert Vogelarten.

Rücksichtslose Wasserabzapfung für die Orangenplantagen, DDT-Verseuchung und Urbanisierung der Randgebiete hatten vor wenigen Jahren schon seine Existenz fatal gefährdet. Jetzt wurde er durch die Entlastungsbauten für den Flughafen Miami weiter bedroht, wozu anzumerken ist: Jener Flughafen, einer der zehn am stärksten benutzten in den USA, hat Entlastung dringend nötig. Von Miami werden 78 Städte in Amerika und 69 im Ausland bedient, 4057 planmäßige Flüge wöchentlich.

"Wenn die Naturfreunde die industrielle und geschäftliche Entwicklung anhalten wollen", meint Flughafendirektor Alan Stewart, "dann sollen sie ihre Pennies zusammensuchen und das Land aufkaufen." Sein Deputy director Richard Judy sieht die Dinge toleranter: "Wenn die Untersuchungen ergeben, daß der Hafen an dieser Stelle nicht gebaut werden kann, werden wir ihn verlegen." Alan Stewart hingegen kanzelt die Naturfreunde, die den Behörden Desinteresse an der Erhaltung einer einzigartigen Landschaft und Tierwelt vorwerfen, mit der in Amerika üblichen Härte als "Schmetterlingsjäger" ab.

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Ähnliche Kontroversen zwischen Flughafenplanern und Landschaftsschützern hat es seit je gegeben. Die Notwendigkeit, noch längere Startbahnen und größere Abstellflächen zu bauen, und die Geräuschbelästigung für Anwohner hat die Planer in möglichst unbesiedelte Gebiete getrieben; in jene Steppen, Sandwüsten und Sümpfe, die, weil sie so rar werden, mehr denn je geschützt werden müßten vor dem Zugriff der Zivilisation. Daß erschlossenes Kulturland für den Bau einer Startbahn bereitgestellt würde, gilt noch als ein Sakrileg, ähnlich dem Schlachten einer heiligen Kuh. Vielleicht aber wird sich, zumindest in unserem mit Feldern und Weiden ohnehin genügend gesegneten Europa, schon bald herausstellen, daß ein Sumpf, der das Aussterben einer seltenen Vogelart verhindert, eigentlich wertvoller ist als ein Rübenacker – ich bekenne mich gern zu dieser heute noch ketzerischen Auffassung.