Die seit dem 1. April 1969 bestehende Kraftwerk Union (KWU) hatte einen guten Start. Das Unternehmen, in dem AEG und Siemens ihre Kraftwerkinteressen vereinigt haben, entschied gleich in den ersten Monaten zwei wichtige Aufträge zum Bau von Kernkraftwerken für sich: Ein 450-Megawatt-Kraftwerk in Borselle (Holland) und ein 1200-MW-Kraftwerk in Biblis (für das RWE).

Wahrscheinlich wird die Union auch das geplante HEW/NWK-Kraftwerk in Brunsbüttelkoog bauen. In Österreich bemüht sich die Kraftwerk Union gegen die gesamte Weltkonkurrenz um den Auftrag zum Bau eines Kernkraftwerkes über 600 MW. Aussichten bestehen für geplante Projekte im südamerikanischen Raum, in Spanien, Jugoslawien und sogar in Rumänien.

Die KWU ist in der glücklichen Lage, bei Kernkraftwerken beide Varianten der wassergekühlten Baulinie (Druck- oder Siedewasserreaktor) anbieten zu können. Die KWU bestellt die Reaktoren entweder bei der AEG (arbeitet mit General Electric zusammen) oder bei Siemens (Lizenzabkommen mit Westinghouse).

Von der Technik und vom Preis her fühlt sich die KWU stark genug, überall in der Welt gegen die starke ausländische Konkurrenz antreten zu können. Doch Kostensteigerungen und Aufwertung zehren am Preisvorsprung.

Nicht ganz frei von Sorgen ist man, wenn man an den Atomsperrvertrag denkt. Ein Vorstandsmitglied: "Wenn die Kontrolle zur Betriebsspionage wird, ist unser mühsam errungener technischer Vorsprung in Gefahr."

Vor der Unterzeichnung sollten deshalb die Einzelheiten der Kontrolle eindeutig geklärt werden. Auf der anderen Seite ist man sich aber auch der Gefahr einer Nichtunterzeichnung bewußt. Man fürchtet, daß die Atommächte dann die von der KWU gebauten Kraftwerke nicht mit dem Brennstoff Uran versorgen werden.

Der Bau eines Kernkraftwerkes im Ausland ist immer noch eine heiße politische Angelegenheit: Die Sowjetunion empfahl vor einiger Zeit den Finnen, ihr erstes Kernkraftwerk nicht von den Deutschen bauen zu lassen. Inzwischen haben die Russen den Auftrag erhalten.

Um so gespannter sind die Reaktor-Bauer darauf, wie die Verhandlungen in Rumänien ausgehen werden. Rumänien ist in einer günstigeren Position, weil es über eigene Uranvorkommen verfügt. Ob das schon genügt, um sich den sowjetischen Pressionen zu entziehen, ist allerdings noch nicht entschieden. kw