Von Werner Klose

In Familien, Schulen, Betrieben liegen sich die Generationen heute buchstäblich in den Haaren. Um Haare geht es oft auch in der Politik. Und um Bärte. Aber das ist nicht gar so neu. Denn Haar und Bart sind nie nur Mode gewesen, sondern Abzeichen, sozialen Ranges oder gar Ausdruck politischer und weltanschaulicher Überzeugungen.

Wenn der Mohammedaner "beim Barte des Propheten" heilige Eide leistet, beruft er sich auf den Bart als sakrale Manneswürde. Gottvater, Jesus, die Apostel, Kirchenväter und Propheten wurden wie die Richter und Hohen Priester Israels nur bärtig dargestellt. Für die Geistlichkeit der griechisch-orthodoxen Kirche gilt der Vollbart ebenso wie das lange Haupthaar traditionell als Kennzeichen einer im Dienst des Allerhöchsten ausgezeichneten Elite.

Der Sklave und der Gefangene aber sind, kahlgeschoren und stoppelbärtig, allen sichtbar zu den Parias der Gesellschaft erniedrigt. Ähnlich sahen die adligen Herren König Karls I. von England mit Verachtung den bäuerlichen Kurzschnitt der puritanischen "Rundköpfe", die ihrerseits nun trotzig aus dem Rundkopf den Ausdruck revolutionärer Gesinnung machten. Die vornehmen Herren trugen dagegen das Haar in gepflegten Locken schulterlang.

Da der Bart ein in der Pubertät aufkeimendes "sekundäres Geschlechtsmerkmal" des Mannes ist, haben ihn Mode und Sitte auch immer als Ausdruck männlicher Sexualität empfunden. Schier angeekelt wetterte Schopenhauer deshalb gegen den Bart, dieses "äußerliche Symptom der überhand nehmenden Roheit, dieses Geschlechtsabzeichen mitten im Gesicht, welches besagt, daß man die Maskulinität, die man mit den Tieren gemein hat, der Humanität vorzieht, indem man vor allem ein Mann und erst nach dem ein Mensch sein will". Entsprechend lebt der katholische Priester traditionell bartlos, mit Ausnahme der Kapuziner. Wo aber die Mode männliche Sexualität massiv ins Spiel bringt, protzen die Herren mit ihrem Haar. Die Pracht der barocken Allongeperücke betonte Vitalität und Prestige. Es galt als vornehm, das Individuelle hinter stilisierenden Masken und Kostümen zu verdecken. Das Haar bezeichnet den Typus, kennzeichnet Rang und Würde des Mannes. Diese Vorstellung, hielt sich bis heute in England in der Perücke als Amtsabzeichen für Hofbeamte und Richter. Heinrich von Kleists Spiel um die Perücke von Dorfrichter Adam im "Zerbrochenen Krug" verwendet das Attribut bereits satirisch aus dem Geist einer Zeit, die anders denkt und sich deshalb auch – anders die Haare schneidet.

Denn die Allongeperücke hatte sich zunächst dort als besonders unpraktisch erwiesen, wo Haar und Bart des Mannes stets zum Berufsanzug gehören: in der Armee. Das stehende Heer des Absolutismus führte Waffengattungen, Gliederungen, Dienstränge, Uniformen und Gleichschritt ein. Die reglementierte Exerziermaschine auf Paradeplatz und Schlachtfeld vertrug individuellen Haarwuchs nicht. Die ohnehin sparsamen Barockbärte verschwanden oder schrumpften zum Schnauzer der Unteroffiziere zusammen. Der aristokratische Offizier blieb bartlos oder leistete sich allenfalls ein kesses Oberlippenbärtchen. Die Haare trug die Armee einheitlich mit Haarbeutel und kurzem Zopf im Nacken. Friedrich Wilhelm I. von Preußen schrieb exakt vor, wie weit die Pritschen in den Wachstuben von den Wänden entfernt stehen müßten, damit die Ratten den schlafenden Grenadieren nicht die mit Talg versteiften Zöpfe anfraßen.

Nicht nur Peter der Große wollte mit Hilfe von Haaren die Staatskasse füllen. Die konservativen Tories verfügten zur Zeit Georgs II. von England eine Steuer für Haarpuder. Protestierend trugen die liberalen Whigs die Haare kurz. Die Revolution von 1789 fegte Puder, Perücke und Zopf in Frankreich und bald in ganz Europa hinweg. Der junge General Bonaparte ließ sein Haar schulterlang wehen. Offen trug der rebellische Karlsschüler Friedrich Schiller Kragen und Haar.