Gesellschaft ist eines jener Zauberworte, die sich als Subjekt oder Objekt scheinbar sinnvoller Aussagen anbieten, ohne daß man sich Rechenschaft darüber ablegen müßte, was eigentlich gemeint ist.

Dem einen ist "die Gesellschaft" ein noch immer streng marxistisch in Klassen gegliedertes Gebilde, das sich nicht auf einen Nationalstaat beschränken läßt; dem anderen ist sie eine Vokabel, die in zeitgemäßerer Form das meint, was er früher "Volk" genannt hätte. Und die zeitgemäßere Form empfiehlt sich schon deswegen, weil es schwerfällt, vom "Volk" der Bundesrepublik Deutschland zu reden.

Der eine und der andere treffen sich, falls sie "progressiv" denken, in dem Wunsch, "die Gesellschaft" zu verändern. (Von jener beharrenden Mehrheit, die nichts so sehr scheut wie Veränderung, die "keine Experimente" will, sei hier nicht die Rede.)

Veränderungen eines gesellschaftlichen Kollektivs sind vorstellbar durch Veränderungen seines "Milieus": des ökonomischen, des technischen, auch des klimatischen. Solche Veränderungen sind in Utopien leichter herbeizuführen als im Alltag.

In der politischen Wirklichkeit, in der wir leben, muß jede Veränderung der Gesellschaft einen mühsamen Umweg gehen über die Veränderung von einzelnen. Da gibt es nur zwei Methoden:

Terror, Furcht, Gewalt auf der einen Seite; Erziehung, Bildung, Aufklärung auf der anderen. (Vor Mischformen sei gewarnt.)

Gegen die Tendenz einer aktiven intellektuellen Minorität, die Gesellschaft mit Gewalt zu verändern, spricht außer ethischen Prinzipien, welche diese Minorität zu akzeptieren nicht bereit ist, nur eins: Geschichte lehrt, daß die Ergebnisse gewaltsamer Veränderungen nicht kontrollierbar sind – die Französische Revolution ging anders aus, als Danton und Robespierre sich das vorgestellt hatten.