Von Peter F. Drucker

In zweihundert Jahren werden die Historiker am zwanzigsten Jahrhundert etwas wesentlich finden, dem wir selbst fast gar nicht Beachtung geschenkt haben: das Aufkommen einer Gesellschaft der Organisationen, in welcher jede einzelne soziale Aufgabe von Bedeutung einer großen Organisation übertragen wird. Uns Zeitgenossen erscheint oft eine dieser Institutionen – die Regierung, das Großunternehmen, die Universität oder die Gewerkschaft – als die Institution schlechthin. Für den zukünftigen Historiker aber ist vielleicht das Auftreten eines neuen und ausgeprägten Pluralismus, das heißt einer Gesellschaft von institutioneller Mannigfaltigkeit und weitgehender Aufteilung der Macht, das eindrucksvollste Faktum. Er wird vielleicht über die letzten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts von einem Aufschwung des schöpferischen Denkens auf sozialem und politischem Gebiet berichten, der so bedeutend wie der des siebzehnten Jahrhunderts war, als Bodin, Locke und Hobbes uns das gaben, was wir immer noch "moderne Gesellschaftslehre" nennen.

Für die meisten von uns ist die Macht der Zentralregierung scheinbar nicht in Frage gestellt – ob wir das nun begrüßen oder bedauern. Der Historiker von morgen wird unsere Zeit vielleicht noch einmal "die Dämmerung der Zentralregierung" nennen. Ohnmacht, nicht Allmacht wird für ihn wohl das wesentliche Merkmal der Regierung des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts sein. Und die neue politische Theorie über die Struktur, Organisation und Abgrenzung der Macht der Regierung, im eigenen Land wie international gesehen, wird in seinen Ausführungen wahrwahrscheinlich eine bedeutende Rolle spielen.

Vor sechzig Jahren, also vor dem Ersten Weltkrieg, glich der Schauplatz der Gesellschaft überall ganz der Prärie von Kansas: Das größte Objekt am Horizont war das Individuum. Die meisten sozialen Aufgaben wurden in und durch Einheiten von der Größe einer Familie erledigt. Sogar die Regierung, so gewaltig sie auch wirkte, war in Wirklichkeit klein und gemütlich. Die Regierung des deutschen Kaiserreiches erschien ihren Zeitgenossen wie ein Koloß, aber ein mittlerer Beamter konnte noch persönlich jeden wichtigen Mann in jedem einzelnen Ministerium und jeder Abteilung kennen.

Zug zur Größe

Der Größenwuchs seit damals ist gigantisch. Es gibt heute kein Land auf der Welt, in dem man nicht die ganze Regierung des Jahres 1910 bequem im kleinsten aller Regierungsgebäude, die jetzt entstehen, unterbringen könnte und noch für Opernhaus und Eisbahn Platz hätte.

Das trifft für die Vereinigten Staaten zu, wo alle Regierungsdienststellen der Zeit Theodor Roosevelts (das heißt des Jahres 1905), die des Bundes, der Staaten und der Städte, in einem einzigen der regionalen Amtsgebäude des Bundes, wie sie jetzt in Provinzstädten wie Denver oder Boise entstehen, leicht ihre Büroräume unterbringen könnten. Genauso trifft es für Japan zu. Sogar die kleinste japanische Präfektur hat ein nagelneues Amtsgebäude, das mit den Gebäuden des Ministeriums in Tokio wetteifert, die damals dem kaiserlichen Japan genügten, als es vor 25 Jahren den Westen zum Kampf um die Weltherrschaft herausforderte.