Die Probleme dieses neuen Pluralismus liegen ganz anders als die Probleme der Pluralismen unserer Vergangenheit und die der unitarischen Gesellschaft unserer politischen Theorie und des Verfassungsrechts. In früheren pluralistischen Formen verstand jedes Mitglied des Systems, vom Freisassen bis zum allmächtigen König, genau die Stellung der anderen Mitglieder der Hierarchie, ihre Aufgaben und Probleme. Eigentlich hatte ja jeder genau dieselbe Aufgabe und dieselben Probleme – nur auf einer anderen Ebene. Im neuen Pluralismus hat jede Institution eine andere Aufgabe. Sie nimmt verschiedene Dinge als gegeben hin. Sie betrachtete verschiedene Dinge als wichtig. Zwar wirken der zweite Vorsitzende eines Großunternehmens, der Sektionschef einer Regierungsstelle und der Fachvorstand an der Universität wohl auf einer sehr ähnlichen Ebene und haben verwaltungsmäßig Probleme von vergleichbarer Tragweite. Doch verstehen sie nicht ohne weiteres die Rolle, Aufgaben und Entscheidungen der anderen. Die Mitglieder früherer pluralistischer Gesellschaftsformen waren ewig um ihren "Vorrang" und ihre relative Stellung zueinander in der Hierarchie besorgt. Das ist im heutigen Pluralismus kein Hauptproblem mehr. Der Chef eines Krankenhauses kümmert sich nicht sonderlich darum, ob er als gleichrangig mit dem Chef eines Wirtschaftsbetriebs, mit einem Gewerkschaftsführer oder einem General der Luftwaffe gewertet wird. Aber sie alle sind um "Verbindungen" besorgt. Es bedarf einer großen Erfahrung – oder zumindest einer großen Phantasie –, wenn ein Mann in führender Stellung in der pluralistischen Gesellschaft von heute überhaupt eine Vorstellung davon haben will, womit sich die anderen beschäftigen und warum sie es tun.

Diese Organisationen müssen zusammen leben und arbeiten. Sie stehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Keine könnte allein für sich bestehen. Keine ist allein von sich aus lebensfähig, geschweige denn eine ganze Gemeinschaft, wie es die Komponenten der früheren pluralistischen Gesellschaft waren.

Gegenseitig abhängig

Eine Theorie der Gesellschaft der Organisationen müßte auf der gegenseitigen Abhängigkeit der Organisationen aufbauen. Die modernen Streitkräfte sind völlig vom zivilen Apparat der Regierung abhängig. Sie hängen auch von den wirtschaftlichen Institutionen ab. Am stärksten vielleicht hängen sie von den Universitäten ab. Dwight D. Eisenhower warnte in seiner Abschiedsbotschaft als Präsident im Jahre 1960 vor dem "Komplex Militär–Industrie", der durch die Symbiose einer starken und beständigen Militärmacht mit einer starken und beständigen Rüstungsindustrie gebildet wurde. Aber eigentlich war, selbst als der Vietnamkrieg seinen Höhepunkt erreichte, die amerikanische Wirtschaft nicht besonders stark von Rüstungsaufträgen abhängig. Wenn die ganzen Rüstungsaufträge mit einem Schlag ausgeblieben wären, hätte das mit Ausnahme von wenigen Gebieten, zum Beispiel Kalifornien, nirgends zu größeren Krisen geführt. Die großen Universitäten des Landes werden jedoch vom Militär immer abhängiger – und das Militär wiederum von ihnen. Es ist recht sinnvoll, vom "Komplex Militär–Universität" zu sprechen. Und der Staat hängt von den wirtschaftlichen Erträgen und den Steuern, die sie einbringen, ab. Die Gewerkschaft hängt von der Betriebsleitung und Verwaltung ab; sie ist auch von der Regierung abhängig. Ja, die Gewerkschaft ist von allen wichtigen Institutionen die am stärksten abhängige. Sie setzt voraus, daß einerseits die Betriebsorganisationen die wirtschaftlichen Ergebnisse erzielen, welche die Gewerkschaften brauchen, um ihre Forderungen erfüllen zu können, und daß andererseits die Regierung ihre politische Unterstützung zusagt, ohne die keine Gewerkschaftsbewegung von langer Dauer sein könnte.

Da wir noch nie auch nur annähernd so etwas wie die Gesellschaft der Organisationen von heute erlebt haben, müssen wir erst lernen, unsere pluralistische Gesellschaft zu verstehen und eine Politik für sie zu entwickeln. Erforderlich ist die Annahme ihrer Struktur, die klare Erkenntnis, daß jede einzelne wichtige Aufgabe einem Gremium übertragen ist und daß wir uns mit den Problemen befassen werden müssen, die sich daraus als genetische Probleme unserer Gesellschaft und ihrer Norm ergeben.

Das bedeutet einen großen Wandel in der Auffassung. Die ersten, die ihn vollzogen haben, waren die "Hippies". Während die "Liberalen" wie die "Konservativen" noch immer diese oder jene Institution als "Bösewicht" oder "Held" der Gesellschaft herausstellten, haben die "Hippies" in den vergangenen zehn Jahren klar erkannt, daß die ganze Gesellschaft eine Gesellschaft der Organisationen ist. Wenn auch nur wenige junge Leute "Hippies" sind, wird die Auffassung, daß unsere Gesellschaft eine Gesellschaft der Organisationen ist, von der ganzen Generation geteilt, die jetzt großjährig wird. Es ist dies das deutlichste Merkmal dessen, was wir "Generationsknick" nennen. Die jungen Leute sind der Universität entfremdet wie auch dem Militärdienst oder den Organen der Regierung.

Wir werden uns den Luxus der "Hippies", einer Absage an alle Organisationen, nicht leisten können. Das ist ein Luxus, den sich nur sehr junge Leute leisten können, ein Luxus, der voraussetzt, daß sich die Erwachsenen um alles kümmern. Aber die Erwachsenen werden sich selbst mit der Realität befassen müssen, welche die "Hippies" verschwinden lassen wollen – die Realität der Gesellschaft der Organisationen.