Hans-Jürgen Puhle: "Agrarische Interessenpolitik und preußischer Konservatismus im wilhelminischen Reich (1893–1914). Ein Beitrag zur Analyse des Nationalismus in Deutschland am Beispiel des Bundes der Landwirte und der Deutsch-Konservativen"; Schriftenreihe des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung; Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1966; 365 S., 28,– DM.

Der Autor hat dem Problem des deutschen Nationalismus der wilhelminischen Jahre eine fachverbindende Studie gewidmet, die an einem klassischen Beispiel die sozialen Grundlagen einer Ideologie vorführt. Objekt seiner Untersuchung ist der 1893 gegründete "Bund der Landwirte", ein Zusammenschluß von Agrariern, der innerhalb der alten Konservativen Partei ähnlich tonangebend war wie etwa die Arbeitergewerkschaften in der Sozialdemokratischen Partei. Die Wechselwirkung von sozialökonomischer Ausgangslage und ideologisiertem Anspruch und die Funktion der Ideologie im politischen Kampf läßt sich tatsächlich kaum besser darstellen als am Modell dieser von Großagrariern gelenkten Organisation mit ihren mehr als 200 000 Mitgliedern.

In einer Welt des mobilen Kapitals hatte sich die Landwirtschaft auf Grund ihrer veralteten Struktur mehr und mehr verschuldet. Dieser Entwicklung begegnete der Bund der Landwirte nicht mit rationalen Argumenten, sondern mit einer Anklage gegen den "jüdischen Inhalt" des Römischen Rechts. Der ländliche Grundbesitz sollte auf deutschrechtliche Grundlage gestellt werden. Um den Grund und Boden überhaupt kreiste der Denkprozeß dieser Konservativen, die schließlich die "Gruppeninteressen mit denen des gesellschaftlichen Ganzen" identifizierten – ein Prozeß, der den Politiker unserer Tage nicht gleichgültig lassen sollte.

Nationale Wirtschaftspolitik, Kampf gegen das "jüdische" internationale Großkapital, Autarkie – das waren die Parolen. Nur zwischen den Zeilen ließ sich herauslesen, daß jene, die aus scheinbar so lauteren Gründen forderten, die Volkswirtschaft aus der Konkurrenz des Weltmarkts loszulösen, schlicht das überaus wettbewerbsfähige Getreide aus Übersee von den deutschen Grenzen fernhalten wollten.

"Der Bund der Landwirte", so hieß es 1903 in einer Erinnerungsschrift, "erblickt in der richtigen Würdigung und Lösung der Agrarfrage die Wiederherstellung der volkswirtschaftlichen Interessenharmonie auf der Basis des landwirtschaftlichen Grundbesitzes." Von dieser gleichsam prästabilierten Harmonie des sozialökonomischen Lebens zur Ideologie des Nationalismus – "gesunder nationaler Egoismus" genannt – war es nur ein kleiner Schritt. Gleichzeitig wurde das patriarchalische Autoritätsprinzip verherrlicht, wie es vor allem im ostelbischen Gutsbezirk herrschte.

Gruppeninteressen wurden völkisch überhöht, wie es sich – simpel genug – in den Worten vom Bohnenkaffee als lästigem Ausländer und vom Malzkaffee als dem wahrhaft deutschen Nationalgetränk zwar komisch, aber typisch ausdrückte. Diese Agitation wirkte auf andere mittelständische Gruppen ansteckend, erhöhte die Bündnisfähigkeit und erweiterte die Basis dieser "ersten und einzigen wohlorganisierten Massenbewegung von rechts". Das ist Puhles zweites Thema: die Rolle eines Verbandes, einer pressure group, im politischen Leben im allgemeinen und für die (Deutsch-)Konservative Partei im besonderen.

Der Aufstieg des Bundes, der über ein straffes Organisationsnetz verfügte, schuf der Konservativen Partei überhaupt erst die Massenbasis. Zwar gab er sich überparteilich, er wurde jedoch – naturgemäß – von Konservativen geleitet und war personell vielfach mit der Partei verflochten. Seinem Wirken ist es zuzuschreiben, daß die Konservativen auch in Süd- und Westdeutschland an Boden gewinnen konnten.