"Avantgarde, Volume II" – Werke unter anderem von Cage, Kagel, Koenig, Pongracz, Riehn, Schnebel, Stockhausen, Zimmermann sowie Improvisationen des Ensembles "Nuova Consonanza"; Deutsche Grammophon Gesellschaft 643541/46, Subskriptionspreis 65,–DM (bis 21. 1. 1970, später 90,– DM)

Auch auf dem Schallplattenmarkt weihnachtet es wieder; die Gesellschaften unterbieten sich mit Kassettenangeboten: noch mehr, noch größer, noch billiger. Zum zweitenmal bringt der Subskriptions-Vorreiter Deutsche Grammophon eine "Avantgarde"-Sammlung heraus – und ein bißchen nimmt das, was im vergangenen Jahr so ziemlich, konzeptlos und wirr zusammengestellt aussah, jetzt klarere Formen an: Die Sammlung soll fortgesetzt werden, und mit der Komplettierung verliert sie den Charakter des zufällig Ausgesuchten. Ein deutliches "Programm" kann man immer noch nicht dahinter erkennen, und die Prospekte sprechen denn auch von "Mosaiksteinen". Da werden Aufnahmen von exemplarischen Stücken, die in der Tat den Namen Avantgarde verdienen – wie die Improvisationen der Gruppe "Nuova Consonanza"‚ die "Présence" von Zimmermann oder Stücke von Kagel und Schnebel – verkauft zusammen mit Unbedeutendem und Unwichtigem, der Produktionschef mußte halt mit seinem Etat klar kommen. Auch in der künstlerischen Qualität der Interpretationen scheinen mir zu deutliche Unterschiede, als daß man von einer homogenen Kassette sprechen könnte. So verdienstvoll es ist, neueste Musik in das Weihnachts-Sonderangebot zu nehmen und auf diese Weise das Bewußtsein breiterer Käuferschichten darauf zu orientieren – selbst in der Herstellerfirma wird jetzt vielleicht der eine oder andere erfahren, daß es auch diese Musik gibt –; so verdienstvoll es auch ist, sechs Platten mit neuer Musik für 69 Mark zu offerieren: für denjenigen, der nicht alles in Bausch und Bogen konsumiert, ist es wahrscheinlich nützlicher, ausgewählte Einzelplatten (Stückpreis 15 Mark, also ebenfalls verbilligt) zu erstehen. Heinz Josef Herbort