Von Martin Gregor-Dellin

Das mußte ja kommen. Einer, der sich nicht an die Spielregeln hält. Es mußte kommen, daß in diesem alexandrinischen Zeitalter, in dem jeder alles weiß und aus jedem alles macht, plötzlich einer behaupten würde, er habe von nichts eine Ahnung, sei ein Dilettant und schreibe nur zu seinem eigenen Vergnügen. Oder, um im Bild seines Romananfangs zu bleiben, er habe sich in die Literatur verirrt wie in einen Zug, in dem sechshundert Nonnen eine Wallfahrt nach Lourdes antreten. Er wird froh sein, ein Abteil für sich allein zu finden.

Herbert Rosendorfer, Jahrgang 1934, Amtsgerichtsrat in München, versteht sich als ein "verkrachter Künstler, der Jurist geworden ist". So einer seiner zahlreichen Selbstkommentare. Wenn "il diletto" das Ergötzen bedeute, so sei er eben ein Dilettant und jedenfalls das Gegenteil eines Fachmanns, denn er schreibe nicht aus Beruf. Gut. Aber wie weit kann ihn das hindern, literarischen Ehrgeiz zu entwickeln? Leseerfahrungen lassen sich nicht ungeschehen machen, und wenn man genauer hinsieht, so erweist sich Rosendorfer als ein geschickter Untertreiber. Zwar meidet er das modisch Konforme, und darin gleicht er dem einsamen Mann im Zuge nach Lourdes, aber sein Rüstzeug ist nicht das eines, Autodidakten; er stammt nicht aus der Familie eines Jung-Stilling, sondern eher eines E. T. A. Hoffmann oder Jean Paul, und damit sind wir mitten in einer Welt geistvoller Ungereimtheiten, von denen sein erster großer Roman lebt –

Herbert Rosendorfer: "Der Ruinenbaumeister", Roman; Diogenes Verlag, Zürich; 464 S., 24,80 DM.

Sein Thema heißt: Die Welt ist nicht fertig erzählt, die Schöpfung fragmentarisch. Daher "bedeutet jede Geschichte einen Kompromiß – wir müssen willkürliche und vielleicht auch schmerzliche Grenzen ziehen". Der Ruinenbaurat, der dem Roman seinen etwas irreführenden Titel gibt, ist nur eine Allegorie des Erzählers selbst, der die riesenhafte Welt seines Romans als einen Torso vor sich herwälzt, ohne die Absicht irgendeiner Vollendung. Rosendorfer teilt sogar mit, er habe sein Buch bei seinem Tode als Fragment hinterlassen wollen: artistische Koketterie, nicht anders als sein Dilettantismus. Der Ruinenbaumeister Weckenbarth trägt übrigens im Roman als Randfigur zur Verschleierung eines sinnvoll erdachten Aufbaus bei.

Der Autor bedient sich des Prinzips der Schachtel in der Schachtel, der Geschichten in der Geschichte. In einen musikalischen Eck- oder Rahmensatz – die Fahrt im Zug nach Lourdes mit Einsteinchen, einem Verrückten, der unter der Bank liegt – werden immer neue Schauplätze, Personen und Geschichten eingeblendet, die zunächst keine direkte Beziehung untereinander zu haben scheinen. Die Schauplätze: ein Eisenbahnabteil, ein Park, ein Schiff, ein Bunkerturm. Dieser Bunkerturm, eine Art in den Boden gerammte Zigarre mit unzähligen Stockwerken und Sälen, wird zum apokalyptischen Überlebensort, in dem die Geschichten der verwüsteten Außenwelt reflektiert werden: und unter dessen Besatzung eine Palastrevolte mit schauerlichen Menschenopfern und Hinrichtungen ausbricht. Dieser Kern, eine Weltuntergangsutopie, ist eingebettet in verschiedene Schalen und Häute, die episch aufgeblättert werden: groteske, komische, märchenhafte, erotische und turbulentdramatische Geschichten.